OLDENBURG Die Hölle ist ziemlich kühl. Und feucht ist es auch. Aber das ist eben Oldenburger Wetter, das den Platzherren zum Vorteil gereichen müsste. Die Blauen stürmen mächtig, und die Gelben haben mächtig Respekt ... Wenn da nur nicht die parkenden Autos und Einkaufswagen wären.

Jaja, als Zuschauer, der die 60er-Jahre-Fußballer des VfB Oldenburg und von Borussia Dortmund spielen soll, hat man’s nicht leicht. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind aus Asphalt, und die Bühne ist ein Parkplatz zwischen zwei Supermärkten. Trotzdem fühlt sich jeder der 40 Leute an diesem Sonnabendabend, als er wäre er ein Blauer (oder Gelber, wenn’s das Los schlecht meint). Diese 40 Leute sind auf jeden Fall glücklich, sie durften an der Premiere des Stücks „Die Hölle von Donnerschwee“ teilnehmen, das ein ganz junges Schauspielerensemble unter der Regie von Michael Uhl an historischen Orten aufführte: die erste Halbzeit auf der Parkplatzfläche, unter der sich (fünf Meter tiefer) bis 1991 der VfB-Platz an der Donnerschweer Straße befand, die zweite Halbzeit im Vereinsheim gegenüber, im seit Jahren leer stehenden denkmalgeschützten Eckgebäude.

Einzigartige Machart

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Es ist ein sehr ungewöhnliches, in seiner Machart wahrscheinlich einzigartiges und mit seinem Inhalt nur in Oldenburg spielbares Stück Theater: fesselnd und viele Erinnerungen weckend für diejenigen, die mit dem VfB und seiner legendären Anlage am Rande einer Geest-Erhebung bestens vertraut sind (die Mehrzahl der Premierengäste), und zugleich faszinierend und prickelnd für die Zuspätgeborenen, Zugereisten oder Fußball-Ignoranten.

In der ersten Halbzeit, also gedanklich auf dem ehemaligen Feld, laufen die Zuschauer mit Kopfhörer-Radios umher, erhalten so Anweisungen mit Hilfe eines technisch ausgefeilten Hörspiel. Zudem wird die Geschichte des Platzes erzählt von der bislang letzten Eiszeit bis zur definitiv letzten Partie gegen Freiburg 1991. Im Zentrum der Handlung steht aber jenes berühmte Pokalspiel des VfB gegen Dortmund, das vor 16 000 Fans so unglücklich verloren ging und das den Ruf des Platzes als „Hölle von Donnerschwee“ endgültig bundesweit zementierte.

Dass man sich für eine Hölle aber nichts kaufen kann, davon erzählt der zweite Teil. Als Drama zwischen Euphorie und Enttäuschung dargestellt wird der Verkauf des Platzes, das anschließende sportliche Auf und Ab der Mannschaft sowie das jahrelange Gezerre mit dem Eigentümer über Rückkauf, Bebauung oder Brachland. Kritische Untertöne an handlungsunwillige Kommunalpolitiker und das Pokern der Grundstücksspekulanten eingeschlossen.

Resultate wie Epen

Während die erste Halbzeit den Zuschauer in hohem Maße zum Mitmachen animiert (Wanderung, Spielverständnis, Fantasie), darf er nach der Pause (stilgerecht an der Theke im Vereinsheim) den jungen Schauspielern zuschauen. Und die sieben, die wegen ihrer Jugend den Platz als „Hölle“ nie erlebt haben, spielen, als wären sie schon immer Fans der Blauen. Finn Bayer, Fenna Benetz, Paul Eilers, Björn Müller, Geesa Renemann, Jakob Rohde und Talea Schulz werden ihren anspruchsvollen Texten hervorragend gerecht. Wer nackte Spielergebnisse wie ein Homerisches Heldenepos rezitiert, weiß, was Fußball-Fans erleiden. Auch außerhalb der „Hölle von Donnerschwee“.

Klaus Fricke
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