Oldenburg Versonnen am Klavier dahintastend stellt er sich existenzielle Fragen: „Wer bin ich? Was bin ich? Und was ist mein Wurzelchakra?“ Da helfe es auch nicht, wenn eine freundliche alte Dame in Oldenburgs Fußgängerzone einem zuwinkt und mit „Hallo, Herr Westermann“ begrüßt. Christine Westermann ist natürlich seine kongeniale Moderationspartnerin aus der WDR-Sendung „Zimmer frei“.

Der Mann selbst heißt Götz Alsmann (58) und stellt in der ausverkauften Kulturetage sein aktuelles Programm „Am Broadway“ vor. Dafür hat sich Alsmann samt herausragender Band frühe deutschsprachige Fassungen großer Broadway-Klassiker vorgenommen. Hierzu zählen Werke von George Gershwin, Cole Porter und Rodgers & Hammerstein. „Wir wollen, dass ihr die Texte auch versteht; daher auf Deutsch“, so Alsmann.

Er hat sich elegante, intelligente Übersetzungen ausgesucht. „Wenn ein Spatz was fallen lässt, fällt es mir aufs schönste Kleid. Alles passiert immer mir“ heißt es etwa in der deutschen Fassung von „Everything Happens To Me“. Es habe aber auch schlechte deutsche Versionen gegeben. Als Beispiel liest er von einem zerknüllten Zettel die Zeilen „Der Mackie-Boy bleibt seiner kleinen Jackie treu“ ab. Eine krude Verschandelung von Nat King Coles „Nature Boy“. Unter dem Titel „Ein Wandersmann“ präsentiert Alsmann eine feinfühligere Textumsetzung.

Ganz groß wird es, wenn er bei zwei Stücken solo zu seiner Banjo-Ukulele greift und in der Ansage eine ganz eigene Musik-Gattung formuliert: Die des „bundesdeutschen Nachkriegs-Cowboylieds der 50er-Jahre“. Alsmann jodelt und pfeift zu „Leise rauscht es am Missouri“ von Bruce Low aus dem „bahnbrechenden Kriminal-Revuefilm ‚Der Dritte von rechts‘“ und zur Leila-Negra-Nummer „Der kleine Boy vom Grand Hotel“.

Die meisten Texte besitzen Witz und Charme. Manches kommt jedoch arg schmalzig daher. Das machen die Arrangements Alsmanns mehr als wett. Mit seinem Ensemble schafft er einen mitreißenden Groove. Vibraphon, Trompete, Percussion, Bass und Schlagzeug seiner langjährigen vier Mitstreiter verschmelzen mit Alsmanns Klavierspiel. Ausgefeilte Details und musikalischer Spielwitz überzeugen. Nicht von ungefähr ist Alsmann seit 2007 als einer der wenigen deutschen Musiker beim renommierten Jazzlabel „Blue Note Records“.

Zudem bleibt Alsmann auch hier Entertainer im Zimmer-Frei-Modus. Immer wieder mutiert er zur menschlichen Sprach-Maschinenpistole. Komplexe, lange Sätze kommen dem Schnellsprecher gepfeffert und geschliffen über die Lippen. Man muss sich konzentrieren, um ihm inhaltlich zu folgen. Aber es lohnt sich. Wie gut, dass sich Schlagzeuger Rudi Marhold von seinem Sehnenanriss erholt hat und das wegen der Verletzung im Mai ausgefallene Konzert nun nachgeholt werden konnte.

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