Bloherfelde Fast alle Eltern, die ein kleines Mädchen zu Hause haben, und auch ein paar Jungseltern kennen die Problematik: Sie oder er liebt die Disneyprinzessinnen Elsa und Co. abgöttisch und muss mindestens ein Kleidungsstück oder Accessoire mit eben jener Figur tragen, sonst gerät die Welt aus ihren Fugen. Und fast alle dieser Eltern stellen sich die Frage, ob das so richtig oder gut ist. Entspricht diese Figur wirklich dem Weltbild, das ich meinem Kind vermitteln möchte?

Ganz ähnlichen Fragen haben sich die Jugendlichen des Jungen Theaters Bloherfelde im vergangenen Jahr gewidmet. Daraus ist ein Theaterstück entstanden, das am Mittwoch seine Premiere in der Offenen Tür Bloherfelde gefeiert hat. Es trägt den Titel „Unser freies, im Gehirn ganz freies Disneydrama“.

Das Bühnenbild ist in den geschlechtertypischen Farben rosa und hellblau gehalten. Als die Jungen und Mädchen sich in ihren schicken Kleidern (ja, auch die Jungen!) auf die Bühne stellen, ahnt man mit Blick auf den Titel des Stückes schon, dass hier die eine oder andere Disneyprinzessin vor einem steht. Dann passiert erstmal lange Zeit kaum etwas, wodurch die Langeweile, die die Darstellenden verspüren, sehr geschickt vermittelt wird. Bis es schließlich aus einzelnen herausplatzt: Die Fantasie ist ihnen abhandengekommen. „Wir haben die Fähigkeit verloren, uns die Welt anders vorzustellen. Daran ist Disney schuld!“ Ein Streit entbrennt, ob diese Aussage tatsächlich zutrifft und man beschließt nun, eigene, ganz persönliche Disneydramen zu kreieren.

Eine Protagonistin nach der nächsten betritt eine Art magischen Schrank und ist nach dessen Verlassen in ihre Wunschprinzessin verwandelt. Doch eine nach der anderen muss auch feststellen, dass die so schön ausgemalte Welt einfach nicht perfekt ist. So findet Cinderella zwar ihren Prinzen, der will sich jedoch lieber mit der Buchführung des Schlosses als mit ihr beschäftigen. Und Merida braucht eigentlich gar keinen Partner, ihr schließt sich aber trotzdem einer an. Und der möchte dann auch noch Mulan sein.

Alle müssen sich so den Fragen nach typischen Geschlechterklischees stellen. Müssen Männer immer groß und stark sein? Dürfen Jungs auch Prinzessin sein wollen oder die Farbe rosa mögen? Wie ist es mit der Sexualität? Darf so eine Prinzessin lesbisch sein? Und darf man trotz all der Klischees eine Disneyprinzessin nicht doch bewundern oder mögen? Und was passiert eigentlich, wenn sich eine Prinzessin gegen die äußeren Klischees wehrt und plötzlich z. B. dick und unattraktiv ist? Geht es ihr damit dann wirklich gut? Beantwortet werden die Fragen nicht. Das können sie wohl auch gar nicht. Und so wird schließlich am Ende das Bühnenbild zu lauter Punkmusik zerfetzt.

Unter der Leitung von Pia Schillinger und Thomas Renner haben sich die Jugendlichen spürbar intensiv mit verschiedenen Aspekten der Genderthematik auseinandergesetzt. Die vielen aufgeworfenen Fragen hallen noch lange nach und man kommt ins Grübeln über die eigene Einstellung. Eine gelungene Vorstellung zu einem komplizierten Thema.

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