Oldenburg „Ich hab’ noch lang’ nicht genug.“ Nils Westermann guckt aus dem Fenster in den mausgrauen Oldenburger Himmel – und zurück. Auf Nächte im Schwarzlicht, Cocktails am Strand von Brasilien, die größten Metropolen der Welt. Sein Abenteuerhunger sei noch nicht gestillt.

Geregt hat der sich schon vor einem Vierteljahrhundert. Im Ohmsteder Kinderzimmer mit dem flauschigen Flokati hat der heute 36-Jährige damals zu träumen begonnen. Inzwischen ist viel davon wahr geworden: Ein Jahrzehnt Jet-Set-Leben liegt hinter dem Oldenburger. Mit 26 hat der Musiker sein Informatikstudium an den Nagel gehängt, um als Gitarrist beim Show-Projekt Blue Men Group in Berlin anzufangen. Mittlerweile sind die tanzenden, blau bemalten Männer samt Band weltberühmt. Im März feiert das Berliner Ensemble sein zehnjähriges Bestehen. Und Nils Westermann ist nicht nur für alle Saiteninstrumente verantwortlich, sondern auch musikalischer Leiter.

Auf Welttournee

„Mit zwei Jahren habe ich gerechnet“, erinnert er sich. Schon nach anderthalb kam ein Engagent in London. „Die Stadt besitzt ein unglaubliches Tempo. Das hat mich total mitgerissen“, sagt der Oldenburger. Zurück in der Bundeshauptstadt ging es für ihn und die Blue Men Group auf Europatournee: Zürich, Stockholm, Wien. Dann wieder Berliner Luft – vier bis fünf Auftritte die Woche. Danach spielte er sich einmal rund um den Globus: Brasilien, Kanada, Taiwan – zuletzt war er ein halbes Jahr in Sydney. Nils Westermann zählt die Stationen seiner Abenteuerreise auf, wie die Bushaltestellen zwischen dem Oldenburger ZOB und Wahnbek, wo seine Eltern inzwischen leben.

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Große Pläne

Neben ihm sitzt Christian Westermann und hört geduldig zu, wie der große Bruder in den Erinnerungen seiner Bilderbuchkarriere blättert. Eifersüchtig? „Nein. Nie gewesen. Ich mach’ mein eigenes Ding. Auch Musik. Aber andere.“, sagt der 29-Jährige. Damals, vor zehn Jahren, als der Ältere das europaweite Casting als Gitarrist der blauen Männer gewann, stand auch Christian und seiner Band „Open Minded“ die Welt offen – ein internationaler Wettbewerb für Nachwuchsgruppen sollte die erste Stufe auf der Karriereleiter sein. „Wir haben sogar den dritten Platz belegt“, erinnert er sich.

Die Musikcharts haben sie nicht gestürmt. Getourt ist er vorerst durch den Nordwesten. Seine Heimat blieb Oldenburg. „Wir haben die Besetzung getauscht, uns umbenannt und lange nach dem richtigen Sound gesucht“, fasst er zusammen. Inzwischen nennt sich sein Quintett „Sushi Drive-in“. Im April wird das Debütalbum erscheinen. „Jetzt wollen wir durchstarten“, sagt der Gitarrist.

Also doch auf den Fersen des großen Bruders? „Mit Musik mein Geld zu verdienen, wäre zwar schön. Aber ich mach’ auch so weiter“, sagt der Informatiker und lächelt besonnen. Entschlossen hat er sich, nach 29 Jahren nun der Heimatstadt den Rücken zu kehren: „Job, Beziehung, die Band – irgendwas hat mich immer hier gehalten, nun ist Zeit für was Neues." Das Ziel ist Berlin. Der Weg wird sich finden.

Oldenburg ist Heimat

In seine Geburtsstadt wiederkommen will Christian immer wieder. Zu Besuch. Genau wie Nils: „Hier kenn’ ich mich aus: meine Heimat. Mit dem Fahrrad in die Stadt fahren und alte Freunde treffen, nachts um zwei im Amadeus feiern – das gibt’s nur hier“, sagt der große Bruder.

Sein Zuhause aber ist jetzt Berlin, wo seine Frau auf ihn wartet, eigene Musikprojekte und das Ensemble der Blue Men Group. Und wenn es wieder auf Tour geht: „Dann reicht ein Konzert und ich bin angekommen“, sagt er. Mit Heimweh kennt Nils Westermann sich nicht aus. Auf den Bühnen der Welt schon.

Seine Oldenburger Band „Torn“ – mit der alles begann, gibt es nicht mehr. Aber: „Richtig aufgelöst haben wir uns nie – ein Revival ist also nicht ausgeschlossen“, sagt der 36-Jährige. Das letzte Mal hat er die Mitglieder bei der eigenen Hochzeit getroffen – da kamen vorsichtige Pläne fürs Comeback auf. Seinen kleinen Bruder beschreibt er als loyal und bodenständig. Der wiederum sagt: „Ich bin stolz auf Nils, er war auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Schmächtiger, heller, stiller ist er. Ein bisschen schüchtern. Nur nicht auf der Bühne: „Da ist man Künstler.“

Doch die unterschiedlichen Brüder teilen weit mehr, als nur den Nachnamen: „Wir lachen über die gleichen Dinge“, sagt der Jüngere. Und dann sind da noch die Erinnerungen an das Haus ihrer Kindheit in Ohmstede, das große Spielzimmer unterm Dachgiebel mit dem Teppich aus Fell. Der ist längst auf dem Sperrmüll gelandet.

Es geht weiter

Überlebt haben die Träume. Einige sind wahr geworden. Andere schlummern noch. Genug werden die Brüder Westermann vermutlich auch in zehn Jahren nicht haben.

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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