Oldenburg Erfrischungstücher. Lakritzlollis. Müsliriegel. Lippenstift. Textbuch. Talisman. Esther Filly ist einsatzbereit. Immer.

Das Survival-Paket – eine vollgestopfte Umhängetasche mit überlebenswichtigen Alltagsutensilien – steht derzeit griffbereit in ihrer Wohnung. „Auspacken lohnt nicht“, sagt die Sängerin. Ihre musikalische Mission geht weiter. Vor ein paar Tagen erst, ist die Soul-Lady aus dem Kosovo zurückgekehrt und schon plant sie die nächste Reise zu auslandsstationierten Bundeswehrsoldaten.

Krieg und Frieden

Ins ehemalige Jugoslawien wurde die Oldenburgerin zum zweiten Mal von der Einsatzbetreuungsorganisation Oase eingeladen (die NWZ  berichtete). Die evangelisch-katholische Initiative hält die Truppe bei Laune: schafft Freizeitmöglichkeiten und Ablenkung vom manchmal belastenden Einsatz. Esther Filly hat sich in der Vergangenheit schon für Afghanistan und den Irak verpflichten lassen. Im Gegensatz dazu, ist der Kosovo eine Art Heimspiel. „Total ruhig war es. Fast friedlich“, sagt die Sängerin und erinnert sich an den ersten Besuch, der auf einen Nationalfeiertag fiel: „Da war die Stimmung aufgeheizt.“ Dieses mal hatte die Oldenburgerin in den fünf Tagen sogar Gelegenheit, das Land zu erkunden: Kirchen, Moscheen, Bauerndörfer, einen wunderschönen Wasserfall, an dem die Stargäste picknicken durften und Stadtführungen gehörten zum Programm.

„Auf den ersten Blick sieht man nichts mehr von dem Krieg“, sagt Esther Filly. Beim genaueren Hinsehen aber falle dann auf, dass alles neu ist: „Kein Haus ist älter als ein paar Jahre, historische Gebäude gibt es kaum noch.“ Über Narben, Lücken, Ruinen die der Krieg hinterlassen hat, ist die Sängerin auch gestolpert. Zwischen den schicken Neubauten stehen Mahnmale. Serben gibt es kaum noch. „Eine Handvoll. Und die leben separat“, sagt sie.

Tattoos und Täubchen

Bei den Touren wurden die Musikerin und ihr Kollege André Vogt, der alias DJ Anvo für gut aufgelegte Soldaten sorgen sollte, immer von bewaffneten Bundeswehrkameraden begleitet. Sie selbst habe sich sicher gefühlt, das Land aber brauche noch etwas Schutz: „Blauhelme sind da nicht ohne Grund.“ Mehr mag Esther Filly dazu nicht sagen. „Mein fünfter Einsatz ist noch immer eine Friedensmission“, betont sie und guckt an sich herunter. Das Glitter-Shirt mit Peace-Zeichen, die Friedenstaube am Halskettchen gehören wie Tattoos und bunt lackierte Krallen zu ihrem Outfit. Nicht nur auf der Bühne.

Die Soldaten hätten nie komisch geguckt. Und auch Anfeindungen via sozialer Netzwerke gegen die „kriegsverherrlichende Heuchlerin“ wären irgendwo im weltweiten Web versickert.

„Lets make love“, hat die Soul-Diva im Kosovo gesungen und Songs von Amy Winehouse. Bei ihrem neuen Hit „Freaky“ sei das Publikum ausgerastet. „Ich bin nicht Micky Krause. Ich muss nicht auf den Tischen tanzen“, sagt sie. Als die Stimmung auf dem Höhepunkt war, habe sie die Schuhe mit einer Soldatin getauscht. Abgesehen von der Dame mit den geborgten Highheels hat die Truppe in kompletter Uniform gefeiert, Seite an Seite mit den Vorgesetzten. Und ohne Alkohol. Nur die berauschende Bassstimme der Oldenburgerin hat das Truppenrestaurant in eine Showbühne verwandelt.

Keine leiseren, aber etwas ruhigere Töne hat Ester Filly in der Kirche des Camps angeschlagen: beim Gottesdienst lauschten die Soldaten andächtig ihrer Leonard Cohen- Version von „Hallelujah“. Die frohe Botschaft des Gospelkonzerts lautete am Ende: „What a wonderful World“. Durchs Mikro hat Esther Filly geflüstert: „Passt auf euch auf, seid nicht streitsüchtig.“ Vis-à-vis hat sie mit den Soldaten über private Probleme – Beziehung, Familie und Heimweh – gesprochen.

Menschen und Engel

„Wenn ich zaubern könnte, gäbe es keinen Krieg und keine Waffen“, sagt Esther Filly. Solange sie keine magischen Kräfte hat, setzt sie ihre musikalischen ein, glaubt an das Gute im Menschen, an Buddha und Jesus, ans Universum und an Engel. Einer beschützt sie bei ihren Einsätzen: Der steinerne Talisman mit Flügeln wartet im Survival-Paket auf die nächste Reise ins Militärgebiet. Das wird Zypern sein. Dort wird Esther Filly am Hafen vor der Fregatte singend die Seelen der Soldaten berühren.

Erfrischungstücher, Lollis, Lippenstift und ganz viel Liebe sind dafür längst eingepackt.


     www.esther-filly.de 
Lea von Deylen Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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