Oldenburg Was mag für einen professionellen Musiker wohl schwieriger sein: Exakt richtig zu spielen oder vorgeschrieben falsch? Paul Hindemiths 1925 komponierte musikalische Parodie „Ouvertüre zum ,Fliegenden Holländer’, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt“ erzwingt, um richtig falsch zu klingen, falsche Intonationen und fehlerhafte Einsätze, belustigt die Hörer mit gewollt-ungewollten schrägen Tönen, fällt von Wagners Ouvertüre, wenn alles ins Chaos ausbricht, in einen kleinen Walzer, findet unverhofft zu Wagner zurück und beendet das Gemetzel mit einer dissonanten Schlusskakophonie. Das ad-hoc-Streichquartett mit Seo Wan Choi, Rolf Seeber, Cordula Mansel und Norbert Körner begeisterte die Zuhörer im Kleinen Haus mehr, als wenn es irgendein Quartett richtig gespielt hätte.

Beim 2. Kammerkonzert mit acht Solisten des Staatsorchesters triumphierte das Spielerische in seiner kindlich-ausgelassenen, humorvollen und immer wieder auch etwas schrägen Form mit eigens dafür ausgesuchten Kompositionen. Und da der Schauspieler Gilbert Mieroph witz- und kenntnisreich durchs Programm führte, war auch jederzeit klar, warum die Musik so seltsam, lustig und wunderlich klang. Franz Dopplers „Souvenir du Rigi“, gespielt von Burkhard Wild an der Querflöte, Ruth Ellendorff an der Tuba, Norbert Körner am Cello und Paul-Johannes Kirschner am Klavier, beschwört die rustikale Schweizer Bergwelt aus Touristensicht, Luigi Boccherinis Streichquintett Nr. 6 (mit Michael Hagemeister am Kontrabass) setzte einen nächtlichen Gang durch die Straßen des barocken Madrid in Töne, ließ das Ave-Maria-Läuten, blinde Bettler, eine von Spielleuten begleitete Wachmannschaft und vieles mehr hören. Das Wiedererkennen machte hier den Reiz aus, während „Jonah and the whale“ des Zeitgenossen Garth Knox mit Textbruchstücken aus Melvilles „Moby Dick“ in einer szenischen Aktion für Tuba und Viola das Atmen und Blasen des Wals im Zwischenbereich zwischen Instrument und Stimme zum vergnüglichen Ereignis werden ließ.

Wirklich schräg wurde es aber, als Gilbert Mieroph zuletzt noch die Arie der Argene aus Rossinis Oper „Ciro in Babilonia“ sang. Als seine Textkenntnisse aussetzten, bekam er eine italienische Speisekarte in die Hand und sang ersatzweise Gerichte herunter. Wie herrlich falsch das alles, wie gekonnt daneben! Selten ging ein Publikum so vergnügt und erheitert nach Hause.

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