Oldenburg „Es ist der zweite Karfreitag in Corona-Zeiten. Die Zahlen sehen nicht gut aus. Fröhlich und unbeschwert gehen wir nicht durch diese Tage. Wie soll es nur weitergehen? Bringen wir unsere Not vor Gott. Rufen wir zu ihm, wie es so viele vor uns getan haben, wie es Jesus selbst getan hat. Denken wir heute an Jesus und sein Kreuz, denken wir heute an unser Kreuz, das wir zu tragen haben.“ So begrüßt der Oldenburger Bischof Thomas Adomeit die Menschen im Oldenburger Land zum Karfreitag-Gottesdienst.

Da Kirchenbesuche aufgrund der Pandemie auch in diesem Jahr nicht oder nur eingeschränkt möglich sind, haben wir gemeinsam mit der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg einen Karfreitag-Gottesdienst in der Oldenburger Gertrudenkapelle und auf dem Neuen Friedhof aufgezeichnet. Gestaltet wurde er von Bischof Adomeit sowie Birgit Carmona Schneider, Pfarrerin Sabine Spieker-Lauhöfer und Uwe Heger (Saxophon).

Die Predigt von Bischof Thomas Adomeit zum Nachlesen

Aus der Traum von dem, der die Welt heil macht, Gottes Sohn auf Erden. Aus der Traum vom Reich Gottes schon hier und jetzt. Nur noch harte Realität: Jesus hängt am Kreuz – Karfreitag. Alle Pläne, Hoffnungen und Zukunftsvisionen sind regelrecht durchkreuzt.

Dabei hatte es doch so vielversprechend begonnen, das Wirken Jesu: Von Gott erzählt hatte er, Vertrauen gefunden, Menschen geheilt, viele um sich und das Wort Gottes versammelt. Vor einer Woche ist Jesus noch unter Jubel in Jerusalem eingezogen – und nun das. Jesus wurde als Verbrecher verurteilt, verspottet, dann gekreuzigt. Dabei war er unschuldig, das wussten alle. Aber er passte mit seinen Erzählungen von Gnade, Hoffnung und Erlösung um Gottes Willen nicht in das Bild eines angepassten Zeitgenossen.

Ich sehe im Geschehen von Karfreitag in Jerusalem Parallelen zu unserer Wirklichkeit. Auch da gibt es Hoffnungslosigkeit, Angst und Schuld. Vermutlich jeden Tag laden wir Schuld auf uns, wir machen Fehler, wir verletzen andere mit Worten oder Taten, tun ihnen weh. Wir grenzen Menschen aus und sehen unsere Privilegien als Europäer als ein Recht an, das wir verteidigen müssten. Wir tragen Mitverantwortung dafür, dass es auf der Welt Leiden gibt. Auch wir sorgen dafür, dass Natur und Umwelt Schaden nehmen. Wir kennen Krankheiten und Viren, vor denen wir ohnmächtig stehen. Eine Situation, die wir aushalten müssen. Wir haben Opfer zu beklagen und konnten sie nicht immer gut begleiten. Und so hält uns Jesus an Karfreitag den Spiegel vor und durchkreuzt unsere Selbstwahrnehmung als nahezu perfekte Spezies.

Jesus war verzweifelt. Er schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er wendet sich an Gott, seinen Vater. Ihm klagt er sein Leid, spricht seine ganze Verbitterung laut aus. Er hadert, aber er lässt die Verbindung nicht abreißen – er gibt nicht auf. Diese Kraft von Jesus, sich in der größten Not an Gott zu wenden, ist die Kraft, die für unsere Nöte Hoffnung wecken kann.

Denn Gott ist uns nahe. Indem er in unsere Welt kommt – als Mensch: in unser Glück, in unsere Dankbarkeit, aber auch in unsere Schuld, in unsere Angst, in unser Versagen, in unsere Sterblichkeit; indem er sich selbst verschenkt, in seinem Sohn, der im Stall von Bethlehem als Kind in der Krippe das Licht der Welt erblickt – und dann zum Licht für die Welt wird.

Das Leiden ist aus der Welt damit nicht verschwunden und die Schmerzen sind nicht gewichen. Wir erfahren gerade am eigenen Leib, wie wenig wir unser Leben in unseren Händen halten. Aber mit Karfreitag erfahren wir, dass die Hoffnung immer größer sein darf als alles, was uns an Widrigkeiten begegnet.

Und wenn wir auf sein Kreuz schauen, blicken wir sogar durch den Tod hindurch und wissen: der Tod hatte nicht das letzte Wort, Jesus wurde auferweckt. Uns ist als Kinder Gottes das gleiche versprochen. Ein Leben bei Gott nach diesem Leben. Damit wird das Kreuz Jesu zu einem Hoffnungszeichen, zu einem Lebenszeichen.

Wir sind gefragt, vielleicht gerade in der heutigen Zeit, der Angst und der Machtlosigkeit Hoffnung entgegenzusetzen. Auszustrahlen, zu ermutigen, zu erzählen: Das Leben wird siegen!

Das wünsche ich uns – dieses feste Gottvertrauen, das, obwohl alles dagegenspricht, „trotzdem“ sagt. Das in Karfreitag schon die Hoffnung auf Ostern kennt. Amen.

Lied: „O Haupt voll Blut und Wunden“

1) O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt,sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

4) Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.

9) Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.

Text: Paul Gerhardt 1656 nach „Salve caput cruentatum“ des Arnulf von Löwen vor 1250, Melodie: Hans Leo Hassler 1601

Gebet

Jesus Christus, heute blicken wir auf Dein Kreuz.

Wir bitten Dich für alle, die niedergedrückt sind von den Kreuzen ihres Lebens.

Wir denken an die vielen Toten, die dem Corona-Virus zum Opfer gefallen sind.

Wir denken aber auch an all die vielen anderen, die in Kriegen und durch Gewalt leiden.

Wir denken vor Dir an all diejenigen, die gebeugt gehen, weil die Last auf ihren Schultern schwerer wiegt als ihre Kraft reicht. Hilf ihnen, die Last zu tragen. Lass sie nicht darunter zusammenbrechen, sondern neu den Blick wagen – durch das Kreuz ins Leben.

Jesus Christus, heute blicken wir auf Dein Kreuz.

Wir bitten Dich für uns, dass uns Deine Botschaft vom Kreuz erreicht und bewegt. Hilf uns, dass uns Dein Kreuz nicht kalt lässt, hilf uns, dass uns die Kreuze der anderen nicht kalt lassen.

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