Oldenburg Das berühmteste Stück von Heinrich von Kleist ist zugleich auch die berühmteste und meistgespielte Komödie in deutscher Sprache. Seit seiner Entstehung vor etwas über 200 Jahren ist „Der zerbrochne Krug“ ein Dauerbrenner auf den Theaterbühnen. Wobei man einschränken muss, dass die Publikumsliebe zu Beginn noch auf sich warten ließ. Und das, obwohl die Uraufführung kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe am Hoftheater in Weimar inszenierte. Infolgedessen wurde der Text umgeändert. „Das hatte den makabren Nebeneffekt, dass die Aussagen des Opfers gestrichen wurden“, erklärt Dramaturg Jonas Hennicke. „Denn in dieser sozialkritischen Tragikomödie geht es nicht nur um einen zerbrochenen Krug, sondern auch um einen versuchten sexuellen Übergriff.“

Richter muss Flucht antreten

Der Dorfrichter Adam muss die Flucht antreten, als er Eve Rull in ihrer Kammer näherkommen möchte. Dabei zerstört er versehentlich einen Krug von Eves Mutter Marthe Rull. Die wiederum verlangt Ersatz und beschuldigt Ruprecht Tümpel, den Verlobten Eves. Da Ruprecht alles abstreitet, landet der Fall vor Gericht und muss von Adam selbst beurteilt werden. Kraft seines Amtes versucht er, seine Schuld zu vertuschen, doch als der unbestechliche Gerichtsrat Walter ausgerechnet dieser Verhandlung beiwohnen möchte, wird es eng für Adam.

Die Vorstellungen

Das Stück hat am 27. April um 20 Uhr Premiere im Kleinen Haus. Es sind noch Restkarten erhältlich. Weitere Vorstellungen sind u. a. am 28. Mai um 20 Uhr sowie am 02. Juni um 15 Uhr. Die letzte Aufführung in dieser Spielzeit ist am 05. Juli. Das Stück wird in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen.

    www.staatstheater.de

In der ursprünglichen Fassung Kleists hat Eve Rull am Ende einen langen Monolog, in dem sie darstellt, dass sie Richter Adam in ihr Zimmer gelassen hat und vor allem warum. Dieser Monolog wird als Variant bezeichnet und ist nahezu in allen Theaterfassungen gestrichen worden. „Letztendlich hat man das Opfer damit stumm gemacht“, erläutert Jonas Hennicke seine und Regisseur Peter Hailers Sichtweise auf diesen Umstand. Hennicke sagt: „Nicht nur im Zuge der ,#MeToo-Debatte’ stellt man sich die Frage, ob das nicht eine riesige Schweinerei gewesen ist. In den letzten 200 Jahren hat man dieser Figur und den Frauen im Allgemeinen damit etwas Schlimmes angetan. Wir wollen Eve ihre Stimme zurückgegeben, wollen sie ermächtigen, über ihr eigenes Schicksal auszusagen.“

Keine Handys oder andere moderne Medien

In seiner Inszenierung bringt Peter Hailer einen Prozess in einem modernen, aber zeitlosen Gerichtssaal auf die Bühne. Neuzeitliche Accessoires wie beispielsweise Handys werden jedoch nicht zu sehen sein. Auch auf Medieneinsätze wird verzichtet. Dafür erwartet das Publikum reinstes Schauspielertheater. Eine Änderung zum Originalstück betrifft die Rolle des Gerichtsrats Walter, die hier Franziska Werner übernimmt. Wo also normalerweise zwei Männer u. a. über das Schicksal einer Frau verhandeln und teilweise miteinander fraternisieren, wird nun einer dieser Männer zur Frau. „Wir haben uns die Frage gestellt, was würde passieren, wenn man das Stück in die Neuzeit holt und die Rolle mit einer Frau besetzt? Würde sich eine Richterin anders verhalten als ein Richter?“ Die Antwort auf seine eigenen Fragen bleibt Hennicke hier schuldig. Die bekommen die Zuschauerinnen und Zuschauer ab dem 27. April im Staatstheater.

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