Oldenburg Gioachino Antonio Rossini (1792 – 1868) ist der bedeutendste Belcanto-Opernkomponist. Neben seinen Opern schrieb er in Paris auch einige wenige Werke für die Kirche, die ebenfalls den ganzen sinnlichen Reiz des Belcanto-Gesangs atmen und auf schöne Stimmen zugeschnitten sind. In seiner „Petite Messe solenelle“ verzichtet Rossini ganz bewusst auf ein Orchester und lässt die Messe nur von einem Klavier und einem Harmonium begleiten.

Manuel Uhing hatte die anspruchsvolle und eher wenig gespielte Komposition mit einem schlanken 25-köpfigen Chor, dem Vokalensemble St. Willehad, präzise einstudiert. Die uns ungewöhnlich erscheinende Begleitung mit Harmonium (Christoph Grohmann) und Klavier (Nobue Ito am Steinway-Flügel) entsprach durchaus den französischen Gepflogenheiten um 1800.

Die Melodieführung des Chores, mit der ostentativen Entfaltung sinnlicher Reize und opernähnlichen Melodien, entspricht noch viel weniger dem, was etwa an Bach orientierte deutsche Ohren erwarten würden. Dennoch war von den ersten verhaltenen Takten an deutlich, wie stimmig zum einen der ungewohnte Ansatz von Rossini ist, eine opernaffine Messe zum Lobe Gottes zu schaffen, und wie präzise und flexibel der Chor einstudiert worden war.

Wie in der Oper auch, gefallen die sauber intonierenden Chöre, die sinnige und stimmige, den Textgehalt unterstreichende Begleitung, aber alles, vor allem auch das Auditorium, wartet auf die solistischen Höhepunkte und erwartet selbstverständlich Glanzleistungen. Das Solistenquartett mit Stephanie Kühne, Zdravka Ambric, Max Ciolek und Lothar Littmann erwies sich als ein Glücksfall für dieses erstaunlich gelungene Konzert-Ereignis, denn die vier Solisten haben denkbar unterschiedliche Stimmen, und das wahrlich nicht nur in Stimmhöhe und Stimmfarbe. Lothar Littmanns sehr lyrischer Bass sang sein „Quoniam“-Solo anrührend menschlich, jedes einzelne Wort vom warmen Ausdruck her beglaubigt. Der Tenor Max Ciolek verfügt über ein kräftig-strahlendes, wahrhaft raumfüllendes Organ. Sein „Domine Deus“ war der Kirche wie dem Konzertsaal würdig und angemessen, eine stimmliche Pracht- und Kraftentfaltung sondergleichen und ein Höhepunkt des Abends. Die Alt-Stimme von Zdravka Ambric gestaltete das abschließende „Agnus Dei“ intensiv, sehr farbig, und erstaunlich leichtgängig zwischen verhaltener Innigkeit und kraftvoll-dramatischen Ausbrüchen.

Mit der Sopranistin Stephanie Kühne im Duett setzte sie beim „Qui tollis“ ein weiteres Ausrufezeichen: neben ihrer vollen, dunkel-timbrierten, fast gutturalen Stimmlage hob sich der helle, obertonreiche, lyrische Sopran von Stephanie Kühne fast engelhaft-schwebend in der Höhe überaus deutlich ab und verstärkte den Eindruck von vier völlig eigenständigen, rein solistischen Stimmen noch einmal im belebenden Kontrast. Das Ausdruckszentrum aber dieser so erfolgreichen Wiedergabe der Rossini-Messe ist das „Crucifixus“. Der aus Italien stammende gläubige Katholik Rossini begab sich hier auf einen schmalen Grat des gerade noch schicklichen und möglichen Ausdrucks: das größte Leid des Religionsstifters am Kreuz, dargestellt durch die menschlich anrührendste stimmliche Sinnlichkeit, hier auf einen Über-Alles-Niveau gesungen und stimmlich mit allen Zwischentönen des intensivsten und expressivsten Ausdrucks von Stephanie Kühne verkörpert.

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