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Oldenburg Etzhorn hat einen brandneuen Blues-Bahnhof. Nun gut, ganz so neu ist der altehrwürdige Landsitz der Brennerei Hullmann an der Butjadinger Straße nun nicht, und ein Bahnhof im Wortsinn auch nicht. Aber wie sollte man sonst einen Ort nennen, an dem die Zugmaschine des Boogie Woogie Halt macht. Axel Zwingenberger, Europas herausragender Pianist in diesem Genre, bescherte seinem Publikum einen bemerkenswerten Samstagabend.

Dass der über drei Stunden währende Aufenthalt für die rund 200 Zuhörer zu einem kurzweiligen Vergnügen wurde, lag auch am bestens aufgelegten Pianisten Henning Pertiet, der der Dampflokomotive Zwingenberger mal als Tender folgte, mal selbst als treibende Kraft wirkte und die Führung übernahm. Der Verdener Blues-Musiker war nie Anhängsel, sondern brachte eigenen Charakter aufs Gleis.

„Was wir hier machen, ist eigentlich grundfalsch“, schickte Pertiet schmunzelnd zur Begrüßung im historisch-gediegenen Ambiente voraus. „Blues und Jazz finden normalerweise in verrauchten Kellern statt. Aber die Zeiten ändern sich nun mal. Stellen wir uns ganz einfach vor, es sei gerade halb Vier morgens in einem vom Alkohol befeuerten Club. Alles eine Frage der Imagination.“

Angesichts der Dynamik der Musik fiel diese Vorstellung gar nicht so schwer, doch hätte man die Augen geschlossen, hätte man Axel Zwingenberger als Gesamtkunstwerk verpasst. Der gebürtige Hamburger ist seit über 40 Jahren als exzellenter Klavierspieler bekannt und geschätzt, berühmt seit seinem wunderbaren Album „Boogie Woogie Jubilee“ mit dem legendären Blues-Sänger Big Joe Turner aus dem Jahr 1981. Der Aufenthalt an der Wiege der Blues-Musik in den USA war prägend. Es folgte ein Album mit dem großen Bandleader Lionel Hampton.

Axel Zwingenberger fand im 2009 gegründeten „ABC&D Boogie Woogie Quartet“ eine weitere musikalische Spielart. Mit Axel und Charlie Watts, den Drummer der Rolling Stones, dessen Leidenschaft der Jazz ist. Bis 2012 spielte diese Formation 80 Konzerte.

In den späten Achtzigern fand der 1965 geborene Henning Pertiet, Neffe des 2017 viel zu früh verstorbenen Pianisten Gottfried Böttger, zur Blues-Musik. „1989 bekam ich von einem Freund ein Album von Axel Zwingenberger geschenkt.“ Für den ambitionierten Musiker war es der Urknall. „Dieser Klang war für mich neu und anders. Danach wollte ich sofort spielen wie er.“ Auf Empfehlung seines Mentors stieß Pertiet 1993 auf die Mojo Blues Band aus Wien, wurde fester Teil dieser Formation und tourte vier Jahre durch Europa.

Es fällt schwer, von dieser bemerkenswerten Konzertreise die schönsten Haltstationen zu nennen. Bleibenden Eindruck hinterließ „Lingony Ext“, Pertiets Kollaboration mit dem überirdischen Thelonious Monk, die nacheinander Ohr, Kopf und Seele des Hörers erreichte. „Mein ganzes Leben in ein paar Minuten“, skizzierte er dieses musikalische Kleinod.

Zwingenberger wiederum hatte mit dem Blues-Stück „Long Lost Love“ und dem „Madhattan Boogie“ tief gehende Momente. Einmal unter Dampf gestellt, war die Mensch gewordene Lokomotive der schwersten Blues-Baureihe kaum zu stoppen. Glücklich konnten sich Reisende schätzen, die erst nach über drei Stunden am Zielbahnhof aussteigen mussten.

Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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