Oldenburg Zur Midlife-Crisis ordnet man sein Leben in Gewesenes und zu Erhoffendes. Große Musiker komponieren schon mal ein Requiem, Dvorak mit 49 Jahren, Verdi gar erst mit 61. Johannes Brahms dachte bereits mit 28 in diese Richtung, weit vor dem moralischen Drehpunkt in der Lebensmitte. Vollendet hat er sein „Ein Deutsches Requiem“ nach Aufführungen von Teilstücken komplett 1868, mit 35.

Mit Begeisterung, Mut, aber auch mit der notwendigen Konzentration hat sich die Kantorei Osternburg in dieses Epoche machende Werk gestürzt. Kantorin Insa Meier greift in der voll besetzten St.-Johannes-Kirche in Kreyenbrück sozusagen auf eine Economy-Version zu. Sie verzichtet auf den dramatischen sechsten der sieben Teile („Denn wir haben hier keine bleibende Statt“). Anstelle des großen Orchesters trägt ein Ensemble von 15 Spielern, die meisten aus dem Staatsorchester, die instrumentale Architektur.

Insa Meier dirigiert das einstündige Werke mit einer ruhigen Gelassenheit, ausgewogen zwischen Emotionalität und linearer Sachlichkeit. Das trifft den Ton dieser unliturgischen Messe, die weniger der Toten gedenkt, als dass sie die Hinterbliebenen tröstet. Nie gleitet der Dirigentin das Werk in Sentimentalität ab. Sie lässt Brahms die bezwingende Melancholie.

Brahms las gern in der Bibel, ohne wirklich ein frommer Mensch gewesen zu sein. Die Texte für sein Requiem hat er sich aus entlegenen Stellen des Alten und Neuen Testaments zusammengesucht, sie aber kunstvoll miteinander verfugt. Der Chor stößt in seiner Personenfülle an die Grenzen einer ganz konturenscharfen Gestaltung. Aber er artikuliert sauber, ohne zu buchstabieren, muss auch im Kontrapunkt keine Mühsal für Deutlichkeit aufwenden. Er hält die kleinen Motive, die nicht direkt zur Melodiebildung führen, sicher zusammen und steigt ohne Druck ins Forte.

Tom Kesslers Bariton fügt sich in den dritten Chorteil überaus belebend ein. Der Hamburger singt selbstbewusst und zuversichtlich, aber er lässt die Beklommenheit spüren, dass „meine Tage eine Handbreit vor dir“ sind. Im fünften Teil „Ihr habt nun Traurigkeit“ lindert Mareike Elsners hoch schwebender Sopran so schön die Niedergeschlagenheit.

Mit seinen blühenden Sprachbildern und der ruhig fließenden Musik schmückt Brahms ein Portal, durch das die Trauernden zu den Tröstungen schreiten können. Gehen muss den Weg jeder für sich. Auch Brahms tat das, nach dem frühen Tod seiner Mutter, nach dem bestürzenden Ableben von Robert Schumann.

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