Oldenburg Richtig heimelige Titel führt Andreas Gabalier im Repertoire. „Meine Heimat“, besingt der österreichische Star, oder „Dahoam“ und „Home sweet home.“ Der Steyrer rühmt die „Heimatsöhne“ und mahnt: „Vergiss die Heimat nie!“ Das wärmt das Herz und macht den Verstand misstrauisch. Fünf Millionen Menschen haben ein Gabalier-Album gekauft. Seine deutschen Fans füllen das Olympiastadion in München oder die Waldbühne in Berlin.

Bei Mario Dunkel regt sich da mehr als ein mulmiges Bauchgefühl. Der Juniorprofessor für Musikpädagogik mit Schwerpunkt transkulturelle Musikvermittlung an der Uni Oldenburg leitet das internationale Forschungsprojekt „Popular Music and the Rise of Populism in Europe“. Das Projekt über drei Jahre untersucht etwa die Konstruktion von „Heimat“ in aktueller populärer Musik. Beim Oldenburger Komponisten-Colloquiums stellt Dunkel zur Halbzeit die Frage: Wie verhalten sich Menschen zu populärer Musik mit starkem politischem Potenzial?

„Heimatkitsch war immer Teil des Schlagers“, sagt Dunkel. Auffällig wirke der Verkaufsanstieg deutschsprachiger Alben seit 2000: „Da liegen Schlager, Rock, Hip-Hop oder Pop bei über 50 Prozent.“ Ob der Hype mit dem Erstarken von Populismus und Rechtsradikalismus zu tun haben könnte, zählt zu den Untersuchungen im Projekt.

Die Dorfrocker, Freiwild, Dirndl-Frau Hannah oder „Feine Sahne Fischfilet“ liefern Ansätze. Dunkel beschränkt sich im Kammermusiksaal auf die Aktivitäten von Gabalier. Der singt vor großer Kulisse bei Red-Bull-Potentat Mateschitz provokativ die alte Version seiner Landeshymne. Da sind noch die Brüder verankert statt der inzwischen vom Parlament festgelegten Männer und Frauen. „Die Änderung am historischen Kulturgut will die Mehrheit des Volkes nicht“, erklärt er im Fernseh-Talk. Dazu verweist er auf die 92 Prozent Zustimmung beim Sender ORF3. „Warum wird da nicht das Volk befragt?“

Solche Anwürfe wollen die Wissenschaftler nicht abtun. „Das zielt darauf, die parlamentarische Demokratie auszuhebeln“, findet der Referent. Gabalier und Kollegen singen Lobgesänge auf Heimat und Tradition, die andere Gruppen ausschließen und zu Heimatlosen machen. Gabalier spreizt auf einem Poster Beine und Arme derart, dass sich die Figur als Hakenkreuz deuten lässt. Pegida-Initiator Lutz Bachmann stellte die Pose prompt nach.

Nur konservativ oder schon populistisch? Forscher Dunkel entlarvt einfach das Spiel des Sängers: „Er gibt sich als einfacher Mann des Volkes, als Bergbauernbub, der heroisch gegen eine scheinbare linksliberale Elite Widerstand leistet und in einer fingierten Demokratie für eine schweigende Mehrheit spricht.“

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