Oldenburg Singen befreit. Marco Neumann beißt in einen Schokoladenkeks und hebt die Schultern. „Außerdem macht es glücklich“, sagt er und wischt ein paar Krümel von der Tischplatte. Als Musiker muss er es wissen. Einmal im Monat sorgt er im Kulturzentrum Cadillac spielend für gute Laune.

Programmauswahl


 Der Doku-Streifen „Keinheimatfilm – Willkommen in Deutschland “ wird am Dienstag 21. Mai, 18 Uhr, im Cine k, Bahnhofstraße 11 gezeigt. Anschließend ist ein Gespräch mit Regisseurin Susanna Wüstneck geplant. Der Eintritt ist frei.


 Zum „Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ lädt das Staatstheater am Freitag, 24. Mai, ab 18 Uhr in die Exerzierhalle am Pferdemarkt ein. Beleuchtet werden unsere Migrationsgesellschaft und andere Niemandsländer. Der Eintritt ist frei.


„Wo kommst du eigentlich her?“ ist Titel eines Literaturabends am Freitag, 31. Mai, 19.30 Uhr, in der Limonadenfabrik am Steinweg 20. Gelesen werden Texte, die sich mit dem Thema Heimat kritisch auseinandersetzen. Anschließend gibt es ein Publikumsgespräch. Der Eintritt ist frei.


 „Das Imaginäre des Algorithmus. Szenarien einer digitalisierten Zukunft“ ist Titel einer Lecture-Performance des US-amerikanischen Künstlers Zach Blas am Mittwoch, 5. Juni, ab 17.30 Uhr im Edith-Russ-Haus an der Katharinenstraße 23. Anschließend gibt es eine Podiumsdiskussion. Der Eintritt ist frei.


 Fragen und Antworten zur Zukunft der Migrationsgesellschaft werden am Donnerstag, 6. Juni, 18 Uhr, in der Exerzierhalle kabarettistisch, journalistisch, wissenschaftlich betrachtet, belächelt und ernstgenommen. Der Eintritt ist frei.


 Zum Rudelsingen für Alle lädt die Kulturetage am Samstag, 8. Juni, ab 11 Uhr auf dem Schlossplatz ein. Der Eintritt ist frei.


„Reden wir miteinander“ ist Titel einer TV-Sendung, die Jugendliche am Dienstag, 11. Juni, 19 Uhr, im Unikum am Uhlhornsweg 49-55, moderieren und mit Gästen über Integration sprechen. Der Eintritt ist frei.


 Zur lebendigen Bibliothek sind Gäste am Samstag, 15. Juni, 16.30 bis 18.30 Uhr in der VHS an der Karlstraße 25 willkommen. Thema und Ziel: Mit den eigenen Vorurteilen aufräumen.


 Am Do 20. Juni, 19 Uhr, diskutieren Jugendliche im Unikum am Uhlhornsweg 49-55, unter dem Titel „Verstehen wir uns?“ über Toleranz und Integration. Der Eintritt ist frei.


 „Aufbruch in die Demokratie – Das politische Wirken von Theodor Tantzen“ ist am Samstag 22. Juni, 15 Uhr, Thema eines Vortrags im Alten Landtag an der Tappenbeckstraße 1. Der Eintritt ist frei.

„Sing das Ding“ lockt massenweise Oldenburger aller Altersklassen zum gemeinsamen Musikmachen. Es sollen mehr werden. Viele. Ein Chor der „Vielen“. Am Samstag, 8. Juni, ist um 11 Uhr jeder, der eine Stimme hat, auf dem Schlossplatz willkommen. Im Rahmen der von verschiedenen Kultureinrichtungen der Stadt geplanten Aktionswochen zur „Erklärung der Vielen“ ist im Ambiente des Nikolaimarktes ein gigantischer Flashmob-Chor geplant. 13 Gesangsvereine konnte Bettina Stiller als Initiatorin bereits begeistern.

Emotionen wecken

Als Vorsänger hat die Pressesprecherin der Kulturetage sofort an Marco Neumann und seinen Musikerkollegen und Co-Sing-das-Ding-Veranstalter, Marcus Friedberger, gedacht. Es sollten Oldenburger sein, sie sollten die Menschen zum Mitmachen animieren können und sie sollten den Gedanken hinter der Aktion verstanden haben. „Über Emotionen erreicht man die Leute am Besten“, sagt Marcus Friedberger. „Ein gemeinsames Konzert ist besser als jede Demo“.

Hintergrund der Bewegung „Die Vielen“ ist die Zunahme von rassistischer und populistischer Kritik an der Kunst und Kultur in Deutschland. Gemeint, auch wenn sie sich angesprochen fühlt, ist übrigens nicht zwingend die AfD. In Berlin oder Hamburg gehen Befürworter der Initiative gegen Rechtspopulismus und für Kunstfreiheit auf die Straße. Ihre Sprechchöre sind vielleicht nicht zu überhören – aber in Oldenburg klingt es harmonischer. Auf der Songliste stehen an dem Pfingstwochenende „Imagine“ von John Lennon, „The Voice“ von John Farnham und „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten.

Gemeinsam kämpfen

Die Texte der Lieder werden als PDF-Download auf den Online-Seiten der Kulturetage, des Staatstheaters und dem Tourismusbüro OTM zur Verfügung stehen. Außerdem soll eine Leinwand aufgestellt werden, auf der per Beamer die Lyrics übertragen werden. Die Bühne, ein mit goldener Folie, einer Rettungsdecke als Symbol der „Vielen“, ausstaffierter Container, für das karaokeartige Event stellt das Staatstheater. Schauspieldirektor Peter Hailer hat Bettina Stiller sofort Unterstützung zugesagt, als sie mit der Idee kam.

Alle erreichen

Gekommen ist sie der 38-Jährigen bei einem Arbeitstreffen für die Aktionswochen: „Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jeder was für sich, in seinem Haus, macht. Mir hat das Gemeinschaftliche gefehlt – das Sichtbar werden“, sagt sie. Dazu käme, dass das durch die Veranstaltungen angesprochene Publikum ohnehin offen für die Thematik sei. Kritische Auseinandersetzung mit Populismus und Rechtsdruck einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen – und das auf unterhaltsame Art – ist das Ziel des Sing-Spektakels.

Aufgestellt ist während der rund einstündigen Veranstaltung eine Info-Wand, die über Inhalte „Der Vielen“ Auskunft und Gelegenheit eigene Kommentare zu hinterlassen gibt. Unterstützung hat Bettina Stiller auch von den Veranstaltern des zeitgleich stattfinden Nikolaimarktes bekommen. „Als ich gefragt habe, ob es möglich wäre, unser Singen auf dem Schlossplatz während des Marktes zu machen, hat Organisator Hergen Garrelts nur zurückgeschrieben: Löppt!“, sagt die Kulturetagensprecherin. Mit Strom versorgen die Marktmacher das Event außerdem. Einen Tontechniker bringt Bettina Stiller mit.

Vielfalt feiern

Über die Inhalte gesprochen werden wird auf der Bühne nicht. In erster Linie soll das gemeinsame Singen im Vordergrund stehen – und Spaß machen. „Natürlich steht hinter allem der Gedanke, ein Statement für eine offene, tolerante und vielfältige Gesellschaft zu setzen“, sagt Marcus Friedberger. Selbstverständlich sei das in Zeiten von Trump und Erdogan, von Meinungsmache über soziale Netzwerke leider nicht, findet der 48-Jährige. Wie ihm geht des allen Beteiligten der Aktionswochen darum, ein Zeichen zu setzen.

Hintergründe

Initiiert wurd die Erklärung von dem 2017 in Berlin gegründeten Verein „Die Vielen“, einem Zusammenschluss von Künstlern sowie und Kulturschaffenden zur Förderung von Toleranz auf allen Gebieten der Kultur und zur Unterstützung einer internationalen Gesinnung. Im November 2018 haben sich verschiedene Kultureinrichtungen in mehreren deutschen Städten der Initiative der angeschlossen und sich damit öffentlich gegen gezielte Angriffe auf die Kunst- und Kulturlandschaft durch rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien und Gruppierungen gewandt. Mittlerweile gehören der Erklärung über 2000 Institutionen und Einzelpersonen an.

In der Region Nordwest wurde die Erklärung diesen Januar veröffentlicht und ist mittlerweile von 108 Akteuren unterzeichnet worden. Formuliert wird die Erklärung mit Bezug zur nationalsozialistischen Diffamierung von Kunst als „entartet“ und zur Vereinnahmung von Kultur zu NS-Propagandazwecken. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte sehe man sich in einer besonderen Verantwortung. „Heute begreifen wir die Kunst- und Kultureinrichtungen als offene Räume, die Vielen gehören. Unsere Gesellschaft ist plural... Demokratie muss täglich neu verhandelt werden“, heißt es.

Der Rat der Stadt hat in seiner Sitzung im Februar mehrheitlich beschlossen, die „Region Nordwest – Erklärung der Vielen“ ebenfalls zu unterzeichnen.

Während Aktionswochen zwischen Mitte Mai und dem 22. Juni wollen sich die unterzeichnenden Institutionen inhaltlich mit den Themen der Erklärung auseinandersetzen. Einige Veranstaltungen sind in der rechten Spalte aufgeführt.

Interessierte Chöre, die am Samstag, 8. Juni, mitsingen wollen, können sich per Email bei Bettina Stiller in der Kulturetage melden unter: b.stiller@kulturetage.de

Songtexte zum Mitsingen stehen kurz vor dem Event auf den Webseiten des Staatstheaters, der OTM und der Kulturetage zum runterladen als PDF auf Smartphones bereit:

Eine Liste der Unterzeichner aus der Region findet sich im Internet unter:

Mehr Infos: www.dievielen.de

Die Vielen auf Facebook: https://www.facebook.com/pages/category/community/die-vielen-824714171070821/

Mehr Infos: www.dievielen.de/erklaerungen/region-nordwest

www.kulturetage.de

    www.staatstheater.de

    www.oldenburg-tourismus.de

    https://www.oldenburg.de/startseite/kultur/kulturbuero/die-vielen.html

Während etliche Programmpunkte jedoch ohnehin von den Einrichtungen für den Veranstaltungszeitraum geplant waren, ist das Rudelsingen extra für den Samstag des Pfingstwochenendes organisiert worden – Arbeit, die Bettina Stiller gerne auf sich nimmt. Um die Philosophie der „Vielen“ mit Leben zu füllen und um mehr zu werden. Viel mehr.

Ignoranz besiegen

Denn: Singen befreit. Von schlechter Laune, von Angst, von Wut und Hoffnungslosigkeit. Vielleicht auch von Intoleranz, Ignoranz und Engstirnigkeit.

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Parolen mit Leben füllen
Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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