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Oldenburg Es klopft und knackt und knarzt den Abend über in der Kulturetage, wobei die Herkunft nicht aufgelöst wurde, und der etwas reifere, über die Maßen wasserdurstige, gut genährte, aber deshalb nicht füllig zu nennende Endfünfziger auf der Bühne wundert sich über so manches, bleibt aber dabei die Ruhe selbst, wie reifere Herren eben so sind, wenn sie mit einer Art Altersmilde auf ihr üppiges Lebenswerk schauen, nicht ohne Stolz und mit einer gewissen Zufriedenheit, weil in all den Jahrzehnten doch so manches gesagt und auch geschrieben wurde, was sich nicht nur in Oldenburg gut verkaufte, gerade in Oldenburg, der kleinen Großstadt mit eingeborener Universitätsklientel aus gewachsener Zufriedenheit, innerer Gedankenwut, aber verlorenem Aufruhr, die bereit ist, diesem Handwerksmeister der gedrechselten Satzkunst zu folgen, einen vergnüglichen Abend lang, dem Adverbienschmied, der noch immer nicht müde wird, seine wohlfeilen Kleinodien sorgfältig in Schächtelchen zu verstauen, um sie anschließend einer russischen Matroschka gleich nach und nach zu enthüllen, derweil die Zuhörer im Abstand von etwa vier Metern unter und vor ihm in der ersten bis zur hintersten Stuhlreihe an seinen Lippen hängen, die kaum einmal zur Ruhe kommen und den Speichelfluss nur kurz stoppen können, weswegen der Redner sich hier und da übers Kinn wischt, und man gar nicht wissen kann und will, wo die Hand schon war, die am Ende nach gut zwei Stunden Prosa sowie diversen Dramoletten ins klatschende Publikum winkt und den Namen Max Goldt sowie herzliche Zuneigungen für Ingeborg, Wiebke oder sonst wen in eines der am Büchertisch einer ortsansässigen, inhabergeführten Buchhandlung käuflich zu erwerbenden Machwerke schreibt.

Wer solche vollständigen Haupt- und Nebensätze aushält, in voller Länge – mit Doppelpunkt und Komma, aber ohne Verschnaufpause – findet ganz sicher Max Goldt dufte und erfreut sich an den kaum endenden Tauchfahrten durch die Tiefen der deutschen Sprache. Wer es sogar miterleben durfte, mit welchen Mitteln er seine Zuhörer in den Bann schlägt, war grundglücklich, wenn er aus längst vergangenen, zutiefst analogen Zeiten plaudert, als Telefonzellen noch gelb waren, und überhaupt, Telefonzellen noch existierten und Hörer Spiralkabel hatten.

Der Endfünfziger schreibt und beschreibt alles und jeden, hat die Bildunterzeile zur Kunstform erhoben, seine Texte tragen Titel wie „Üble Beläge“, „Ich beeindruckte durch ein seltenes KZ“, „Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine“ oder auch „Hyppytyyny huomiseksi“, und seine Bücher heißen „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“ oder „Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken“. Im Fundus der vergangenen 40 Jahre lassen sich Hörspielskizzen, Gedichte sowie allerlei nicht zu Kategorisierendes entdecken.

Dass der Kleist-Preisträger beim Finanzamt Berlin Satiriker als seinen Beruf angibt, muss man glauben, weil sich die Schärfe seiner schmackhaft zubereiteten Appetitanreger nicht schon im Ohr, sondern vollständig erst beim Aufstieg ins Hirn ausbreitet, so in der Episode über Kinder: „Ist doch besser, sie werden Veganer, als dass sie nach Syrien fahren und Menschenrechtsaktivisten enthaupten.“ Seine Texte absurd zu nennen, verbittet sich Goldt übrigens.

Doch nicht alles beißt bei ihm, manches ist altmännerzotig, anderes schlicht schön: „Man will schon gehört haben, dass Menschen, die längere Zeit mit verdrehten, abgeknickten Füßen sitzen mussten, obenrum aber mit lebhafter Konversation befasst waren, so dass das Einschlafen der Füße unbemerkt blieb, sich beim Aufstehen einen Fuß gebrochen haben.“

Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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