Oldenburg Klein Willi ist ein großer Held. Er trägt Uniform und Pickelhaube. Treu zur Seite stehen ihm sein österreichischer Kamerad Franzl, das Gewehr Piffpaff und der niedliche Hund Butzi. „Hurra“ – das Abenteuer kann beginnen. Franzosen, Engländer, Russen und Serben werden an allen Fronten aus dem Weg geräumt: erschossen, erschlagen oder mit Bomben getötet, die Willi aus einem deutschen Zeppelin abwirft. Als der Junge wach wird, ist er jedoch bitter enttäuscht: Er hat es dem Feind nur im Traum gezeigt.

Tradierte Feindbilder

Das „Kriegs-Bilderbuch“ des Schweizer Grafikers Herbert Rikli aus dem Jahr 1915 übt keine Zurückhaltung. Mit Sprache und Karikatur werden die deutschen Gegner nach simplem Gut-Böse-Schema diskriminiert und lächerlich gemacht. Propaganda, wie sie im Buche steht.

Das Schaurige soll zudem komisch wirken mit Reimen, die an Wilhelm Busch erinnern. Doch das Lachen bleibt im Halse stecken. „Fest packt klein Willi das Gewehr, Du brauner Affe komm nur her! Patsch! Deutsche Hiebe sitzen gut. Der Gurkha brüllt vor Schmerz und Wut.“ Den Gurkhas, nepalesischen Soldaten im Dienste der Briten, die als Affen karikiert werden, spricht der Autor an dieser Stelle sogar die Menschlichkeit ab. Zwischen 1914 und 1918 war das kein Einzelfall, wie die Sonderausstellung zur Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse (Kibum) zeigt.

„Das Kinderbuch erklärt den Krieg“ lautet der vielsagende Titel über Kinder- und Jugendliteratur im ersten Weltkrieg. Die rund 170 Originalexponate stammen aus der Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. „Ziel der Ausstellung ist, die ideologische Kriegsvorbereitung im Kinderbuch deutlich zu machen, die das Denken ganzer Generationen beeinflusste“, sagt Dr. Mareile Oetken, Koordinatorin für Kinder- und Jugendliteratur an der Universität Oldenburg. Denn die Schau beschränkt sich nicht auf die vier Kriegsjahre, sondern bezieht auch die Vorläufer und Nachfolger ein. Militaristisches und nationalistisches Gedankengut taucht in vielen Darstellungen seit der Reichsgründung 1871 in deutschen Kinderbüchern auf. Der Soldat war ein gängiges Motiv, stereotype Feindbilder wie der „hässliche Iwan“ oder der hinterlistige „Franzmann“ wurden geschürt.

Die Saat ging auf. Als der Krieg 1914 ausbrach, griffen viele Verlage und Autoren blitzschnell auf die Vorlagen zurück. Sie machten mit Texten und Bildern mobil. Adressaten waren zwar in erster Linie Kinder, aber die Botschaften richteten sich auch an die Eltern. Inhaltlich entwickelte sich das Szenario von einem Hurra-Patriotismus in den Anfangsjahren über Durchhalteparolen bis zur Vorbereitung auf Niederlage, Tod und Verlust von Angehörigen. So wurden die Kinder aufgefordert, für ihre Väter zu beten. „Es sollte mich gar nicht wundern, wenn der Vater um seines braven Kindes willen aus aller Gefahr errettet würde“, heißt es im „Schutzengel-Kriegsbrief“ von 1916, der dem Nachwuchs auch noch eine hohe moralische Verantwortung aufbürdete: Seid schön brav, sonst kommen eure Väter nicht wieder.

Auch die gängigen Geschlechter-Klischees bedienten die Autoren. Während sie die Jungen für die vermeintliche Faszination von Schlachten zu begeistern versuchten, wurden die Mädchen auf ihre dienende Rolle vorbereitet: als aufopferungsvolle Krankenschwestern oder Versorgerinnen in der Heimat. Else Urys „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ zum Beispiel bietet einen umfassenden Einblick in den Alltag dieser Zeit.

Das Phänomen beschränkte sich aber keinesfalls auf Deutschland. Auch das englische Kinderbuch erklärte den Krieg. Mit Umdeutungen von Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ machte es literarisch Front gegen Deutschland. Unter dem Titel „Swollen Headed William“ (der aufgeblasene Wilhelm) nahmen die Briten Kaiser Wilhelm II. aufs Korn. Deutschland antwortete auf die Majestätsbeleidigung mit einem „Kriegs-Struwwelpeter“. In dem parodistischen Rundumschlag bediente sich der Maler Karl-Ewald Olszewski der bekannten Figuren aus der Hoffmann-Vorlage und gab ihnen daran angelehnte Namen. So wurde Serbien zum „Bombenpeter“, Belgien zum „Neutralitätslutscher“ und Russland in Anspielung auf den Zaren zum „bösen Nicolai“. „Bis über’n Kopf ins schwarze Naß, tunkt Wilhelm sie im Tintenfaß.“ Die Moral von der Geschicht’: Deutschland ärgert man nicht ungestraft. Gemeinsam mit Österreich wurde es demnach von den Nachbarn in das Scharmützel hineingezogen und wehrte sich gegen die Aggressoren. Das sahen die Franzosen selbstverständlich anders. In Anspielung auf das Märchen „Rotkäppchen“ war Deutschland der böse Wolf, der Unschuldige bedrohte.

Pazifistische Mahnrufe

Doch es gab auch Gegenstimmen. „Werdet Helden“ rief der Wiener Philosoph und Pädagoge Wilhelm Börner die Kinder in einem offenen Brief auf. Er appellierte jedoch nicht an die Opferbereitschaft im Schützengraben, sondern forderte, „Helden der Liebe und des Friedens“ zu sein. Ungeschminkt schilderte der Hamburger Sozialdemokrat Wilhelm Lamszus die Schrecken des Krieges. In seiner Schrift vom „Menschenschlachthaus“ nahm er 1912 Massenvernichtung und Materialschlachten vorweg. Doch die pazifistischen Mahnrufe verhallten meistens ungehört oder wurden durch die Zensur unterdrückt.

Die Ausstellung blickt auch über den ersten Weltkrieg hinaus. Trotz der verheerenden Folgen wurde der Militarismus in vielen Publikationen weiter glorifiziert, so dass die Nationalsozialisten wenig später aus dem Vollen schöpfen konnten.

Auch heutzutage ist Krieg Thema der Kinder- und Jugendliteratur, aber die Perspektive änderte sich. „Es wird jetzt mehr aus der Sicht der Opfer berichtet zum Beispiel über den Holocaust“, sagt Mareile Oetken. Was passiert mit Kindern im Krieg, laute die zentrale Frage. Trauer, Ohnmacht und Flucht – an vielen Orten der Welt traurige Aktualität – werden geschildert. „Diese Literatur liefert keine Erklärungsmuster, sondern zeigt eine subjektiv-psychologische Perspektive auf, so dass Gesprächsbedarf bei den jungen Lesern entsteht“, begrüßt Oetken den Wandel.

Kinder erleben Krieg als Albtraum, nicht als Abenteuer. Aber klein Willi aus dem Bilderbuch von 1915 wurde ja auch von einem Erwachsenen erfunden.

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