OLDENBURG „Dass diese Bilder stumm sind, ist ein Reiz mehr; sie sind stumm wie Träume“. Was Hugo von Hofmannsthal über den Stummfilm sagte, war bei der Ausstellung „Stille Wasser und perfekte Wellen“ im Schloss leicht nachzuvollziehen. Die Wirkungsmacht der Bilder in F. W. Murnaus Film „Tabu“ von 1931 macht Dialoge tatsächlich überflüssig.

Wenn die Schauspieler schweigen, bleibt aller Platz für Musik. Die in Oldenburg lebende Komponistin Violeta Dinescu hat Murnaus Klassiker 1988 vertont und damit den Bildern die Kraft ihrer Musik hinzugefügt.

„Tabu“ spielt in der Südsee, Murnau verpflichtete einheimische Laiendarsteller, um die Authentizität zu wahren. Es ist ein vielschichtiger Film voller Gegensätze. Das Tabu ist die verbotene Liebe eines jungen Paares, das sich jedoch widersetzt und für den Sündenfall teuer bezahlt. Der Idylle des ersten Teils folgt die Vertreibung aus dem Paradies, die als archaisch und natürlich gezeigte Welt der Inselbewohner wird die als ausbeuterisch und konsumorientiert geschilderte Zivilisation entgegengestellt.

Dinescu knüpft in ihrer Filmmusik daran auf vielen Ebenen an. Das Gegeneinander der Kulturen schildert sie etwa in den Tanzszenen – im ersten Teil impulsiv, hochenergetisch und rauschhaft, im zweiten Teil fast schon verderbt in seiner westlichen Durchdringung. Das schnelle Tempo der Bilder in den Wasserspielen am Anfang unterstreicht sie durch rasche Tonfolgen von Bläsern, Schlagwerk und Klavier.

So wie Murnau seine Vorstellung von naturhafter Ursprünglichkeit aus der europäischen Perspektive entwarf, nutzt auch Violeta Dinescu Elemente westlicher Kunstmusik. Das beginnt bei der Instrumentierung: Das erstklassige „Ensemble Contraste“ besteht nur aus Bogdan Stefanescu, Sorin Petrescu, Dorin Cuibariu, Doru Roman, die im Schloss aber jeweils verschiedene Instrumente (Klavier, Schlagzeuge, Blasinstrumente) spielen, so dass große farbige Vielfalt entsteht. Dinescus Musik unterstreicht Bilder und Handlung und erhöht so deren Wirksamkeit. Sie erzeugt auch Stimmungen und Emotionen, denen sich der Hörer nicht entziehen kann, und verknüpft Szenen und Bildfolgen.

Hofmannsthals „Träume“ sind bei Violeta Dinescu offenkundig Klänge. Auf sie, sagt sie, wirke Murnaus Film „wie ein Musikstück. Als ich ihn stumm anschaute, entdeckte ich Leitmotive und melodische Stränge, die man verfolgen kann.“ Daraus hat sie eine Musik entwickelt, die die Wirkung der Bilder potenziert.

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