Oldenburg „Es gehört schon eine ganze Portion innerer Gelassenheit dazu, sich aus der Fülle von ein paar tausend Büchern die Lieblingslektüre heraus zu angeln, unter den Arm zu klemmen und damit in der `Schmökerecke´ zu verschwinden, um dort ernsthaft und versunken zu lesen: In der Aula der Cäcilienschule, wo zur Zeit die 1. Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse um den Nachwuchs der Literatur-Konsumenten wirbt, herrscht lebhafter Trubel...“

1975 war’s. Ein Oktober. Und ganz genau so hatte es damals in der NWZ  geheißen. Viel verändert hat sich seitdem nicht. Na gut, zugegeben: der Veranstaltungsort, auch die Masse an Werken und Besuchern. Aber sonst?

Als die Messe in den frühen 70er Jahren konzipiert wurde, hätten die Gründer wohl kaum gedacht, wie und dass sich diese überhaupt noch bis ins Jahr 2015 halten, gar so facettenreich präsentieren könnte. „Sinn der Ausstellung, die jährlich stattfinden soll, ist es, Kinder, Jugendliche und Erwachsene – Eltern, Erzieher, Studenten – zu informieren und zu beraten”, hatte Mitinitiator Professor Dr. Wolfgang Promies (damals Prorektor der Uni Oldenburg, 2002 verstorben) vor der Eröffnung der ersten Messe erklärt.

Das klang sehr theoretisch. Was Promies dann aber noch als immerwährenden Anker der Kibum auswarf, ist in der Rückschau umso wertvoller: „Das Kind, der Jugendliche, sind nicht Objekt, sondern Subjekt der geplanten Ausstellung”, sagte er, „sie sollen lesen, was sie wollen, nicht was Eltern und dergleichen Kinderfreunde für gut oder ein Erzieher für unterrichtsfördernd befunden haben.”

Wohlan! Möglichkeiten zur freien Entscheidung und Entfaltung hatte die Zielgruppe in den vergangenen 40 Jahren genug. Weit über 60 000 Bücher hat die heute einschlägig bedeutsame Kinder- und Jugendbuchmesse im Laufe ihres Erwachsenwerdens in Oldenburg vorgestellt. Rund 900 Titel aus 50 Verlagen verlockten schon bei der Kibum-Premiere 10 000 Menschen zum Besuch.

Im vergangenen Jahr kamen dreimal so viele kleine und größere Gäste, um sich durch 2500 deutschsprachige Neuerscheinungen aus 300 Verlagen zu lesen. Ähnliche Zahlen werden auch ab dem kommenden Sonnabend erwartet. Im und rund ums Kulturzentrum PFL an der Peterstraße kommen dann wieder die wohl härtesten aller Literaturkritiker zusammen. Dann ignorieren sie, was schon äußerlich nicht zusagt. Legen zur Seite, wo ihnen bereits das Inhaltsverzeichnis jegliche Laune versagt. Haben die jungen Bestimmer aber erstmal ein Büchlein gefunden, dem sie ihr Wohlwollen schenken... dann geht’s in die Schmökerecke. Und allüberall ist fortan Stille.

So war es schon damals. Kissen, Decken, gemütliche Ecken. Kisten voller Bücher, Regale voller Kisten. Und dazwischen irgendwie immer das „Kibum-Vieh“ – das eher etwas krude, aber liebenswerte Markenzeichen der Messe.

Überhaupt: So professionell wie die Messe heute wirkt, war sie früher freilich nicht. Messemobiliar? Von wegen. Da wurden in Schulen überflüssige Tische kurzfristig zusammengekarrt und aufgebaut, schließlich Wachstücher darauf ausgelegt, damit man „die Einkerbungen verzweifelter Schüler nicht sehen konnte“, sagt Dr. Ekkehard Seeber heute. Der damalige Kultur- und Schuldezernent stieg 1976 mit ein und hatte fortan auch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. „Wir wollten ganz bewusst eine unzensierte Messe“, sagt er, „und ganz viel Offenheit aller Beteiligten für die eigene Urteilsbildung“. Dazu gehörte sicherlich auch die Ergänzung des Messeprogramms um neue Medien. Seeber erinnert sich an ein einschneidendes Erlebnis, das diese Erweiterung ins Rollen brachte: „Ende der 80er Jahre hatten wir oben im PFL zwei Räume mit Computern und Spielen eingerichtet. Als ein Apparat abstürzte, hatten Dr. Rainer Fabian von der Uni Oldenburg und ich versucht, das wieder hinzubekommen.“ Was aber nicht glückte.

Zwei Zehnjährige hatten sich das Spektakel amüsiert angeschaut – und nach einigen peinlichen Momenten dann ein Einsehen. „Soll ich dir das zeigen? – fragte einer der Jungs“, sagt Seeber, „und dann lief das Ding nach zwei Minuten wieder.“ Das habe den Verantwortlichen gezeigt, dass junge Leute doch völlig anders mit den neuen Medien umgingen als die Erwachsenen. Schön aber: Nach all der erschöpfenden Daddelei zogen sich die Kinder dann doch mit einem Buch für Stunden in die Schmökerecke zurück. „Und diesen Reiz des völlig unzensierten und unbeobachteten Lesenkönnens hat die Kibum bis heute. “

Was sie indes nicht mehr hat: elend lange Eröffnungsveranstaltungen, auf denen vermeintlich wichtige Sponsoren und Veranstalter ihre vermeintlich wichtigen Reden halten müssen. Schuld daran ist Seebers Sohn. Den hatte er 1978 zur dritten Kibum mitgenommen. Doch all die vielen unverständlichen Worte da oben verdarben dem jungen Mann den Spaß. Also ließ er mit der Begründung „langweilig!“ eine kleine Rakete mit Zündplättchen fallen – was zunächst für einen lauten Knall, schließlich aber auch für ein Umdenken sorgte. Seitdem ist die Messe-Eröffnung kindgerechter und spannender – ein echter Anreiz also, die folgenden pickepackevollen Tage für Besuche zu nutzen. Und davon gibt es zweifellos mehr als genug.

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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