Oldenburg In diesem Kästchen lag etwas ganz Besonderes, das ahnte Reinhard Knappert sofort. Der frühere Verwaltungsdirektor des Oldenburgischen Staatstheater stöbert gern auf Flohmärkten herum, ganz gleich ob in Oldenburg oder anderswo.

Es war ein Flohmarkt in der Weser-Ems-Halle, bei dem ihm dieses Kästchen ins Auge sprang, das außen mit Schlangenhaut bezogen und innen mit Ziegenleder ausgekleidet war. Darin ruhte ein viereckiger, recht massiver Messing- Kompass. „Ich erinnere mich noch genau“, erzählt er. Nicht zuletzt weil er schon enttäuscht war an jenem Sonntag im Jahr 1999, da er vergeblich nach einer spannenden Uhr oder einem Mikroskop gesucht hatte.

„Aber dann sah ich diese Schachtel und dachte: was liegt denn da?“ Für 25 DM kaufte er den Messing-Kompass. „Als der Verkäufer wenig später hinter mir hergelaufen kam, dachte ich schon, er wollte ihn zurückhaben.“ Doch so sei es nicht gewesen. Der Mann brachte ihm nur die Messing-Abdeckung für den Kompass, die er an dem Stand vergessen hatte.

Welchen Schatz er da wirklich an Land gezogen hatte, ahnte er noch lange nicht. Ganz im Gegenteil. „Da der Messingkompass so kunstvoll gearbeitet war und so genau in die Schachtel passte, hielt ich es nicht für ausgeschlossen, dass ich ein Imitat gekauft hatte“, erinnert er sich an ähnliche Dinge, die er vor allem im Ausland gesehen hatte.

Eine Zeit lang geriet der Kompass in Vergessenheit, doch dann fing es wieder an, in Knappert zu rumoren. Was mochte das für ein Stück sein? Bei einer Schätzaktion der Antiquitätenmesse „Nostalga“ meinte ein Experte, das Gerät sei eine indische Replik.

Die TV-Antiquitätenshow des NDR „Lieb und teuer“ schien ihm eine weitere gute Möglichkeit, das Rätsel dieses Instruments zu lösen. Knappert schickte zunächst ein Foto nach Hamburg und fuhr dann mit dem Instrument, dessen Windrose kunstvoll ziseliert acht Himmelsrichtungen zeigt, zu dem Gutachter. „Ich war richtig enttäuscht, als der zunächst mal schwieg.“ Doch von einer Fälschung war nicht mehr die Rede, vielleicht vom 18. Jahrhundert als Entstehungsjahr.

Reinhard Knappert fuhr dann wieder nach Hause und wusste nur wenig mehr. Dann kam plötzlich ein Anruf. Er wurde gebeten, noch einmal nach Hamburg zu kommen, diesmal zur Aufzeichnung für die Sendung „Lieb und teuer“, denn man war einem echten Schatz auf die Spur gekommen.

Der Experte hatte die Fährte über eine Punze aufgenommen, die bei Nordost in die Messingbodenplatte eingeschlagen ist. Zu lesen sind dort die Buchstaben „I.G.H.“ Diese Abkürzung benutzte Johann Georg Hertel, ein berühmter Augsburger Kompass- und Instrumentenmacher aus dem 17. Jahrhundert. Er wurde 1626 in Augsburg geboren und ging dann 1650 nach Wolfenbüttel an den Hof von Herzog August dem Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg. Hertel hatte dort eine eigene Werkstatt und kümmerte sich um die wissenschaftlichen Instrumente und Vermessungsgeräte. Er starb 1697. In der Fachliteratur werden neun Instrumente genannt, die noch bekannt sind. Doch nicht nur die geschichtliche Bedeutung der Flohmarkt-Trophäe erstaunte Knappert. Auch über die Wertangabe freute er sich – auf 1500 Euro wurde das Stück taxiert, das er für 25 DM gekauft hatte.

Wie Knappert erfuhr, bewahren Museen alle noch bekannten Hertel-Messgeräte auf. Und so besuchte er das Kestner-Museum in Hannover, in dem es ein Winkelmessgerät gibt. Auch in Dresden fand er eines. „Beide Häuser haben Interesse an meinem Kompass angemeldet, der für die Landvermessung eingesetzt wurde“, erzählt Reinhard Knappert, „aber ich verkaufe ihn natürlich nicht.“

Sabine Schicke stv. Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
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