Oldenburg Immer wieder brummt das Smartphone in der Tasche des weinroten Kapuzenpullis. Rabbiner Tobias Jona Simon blickt kurz auf das Display und stopft das Gerät zurück an seinen Platz. Seit vier Jahren steht das Telefon des 37-Jährigen fast nie still - seitdem ist Simon für die jüdische Gemeinde zu Oldenburg mit ihrem sich bis an die Nordseeküste erstreckenden Einzugsgebiet zuständig.

Die Rabbinerstelle teilt er sich mit Ehefrau Alina Treiger, die 2010 als erste Frau in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ordiniert worden war. Die Oldenburger Gemeinde war jedoch schon von 1995 bis 2004 von Rabbinerin Bea Wyler betreut worden, sie war allerdings in den USA ordiniert worden.

Alina Treiger kümmert sich zudem um die Gemeinde in Delmenhorst, Simon noch um Hameln, Bad Nenndorf, Göttingen und Braunschweig. Nicht nur das Zeremonielle, vor allem die Gemeindepflege fällt in den Zuständigkeitsbereich eines Rabbis, auch Seelsorge Kranken- und Trauerbesuche. Bei der Gründung der jüdischen Gemeinde zu Oldenburg betrug die Mitgliederzahl 43, heute ist Oldenburg mit 330 Mitgliedern Sitz der drittgrößten jüdischen Gemeinde Niedersachsens nach Hannover und Osnabrück.

Die jüdische Gemeinde ist Mitglied der ersten Stunde im Arbeitskreis Religionen (NWZ  berichtete). Verbindungen mit den christlichen Konfessionen in Oldenburg habe es auch vorher gegeben, allerdings im kleinen Rahmen, wie Jona Simon erzählt. Er nennt die alljährliche Gedenkfeier am 9. November, wenn die jüdische Gemeinde die christlichen Konfessionen zum Abendgebet in das Gemeindehaus an der Leo-Trepp-Straße einlädt. Gemeinsam wird der Opfer der Pogromnacht gedacht. „Das war bis dahin aber der einzige organisierte Kontakt“, sagt Simon, der – wie Ehefrau Alina Treiger auch – am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam studierte und sich in Berlin zum Rabbiner ausbilden ließ.

Im Arbeitskreis Religionen sind Beziehungen zwischen den Religionen erst aufgebaut oder intensiviert worden. Die Glaubensgemeinschaften wollen ihre Anliegen in die Mitte der Gesellschaft tragen, dafür sei der Arbeitskreis eine geeignete Plattform. „Wir wollen Vermittler zwischen Religion und verschiedenen Lebensbereichen sein“, beschreibt Simon. Die Bemühungen scheinen auch erste Früchte zu tragen. „Vor wenigen Wochen erst erhielt ich einen Anruf aus einem Hospiz – ich solle vorbeikommen“, berichtet Rabbiner Simon.

Auch eine Kooperation mit der Universität ist entstanden. Jährlich gibt es eine Vortragsreihe mit Gastdozenten in der Synagoge. Rabbi Tobias Jona Simon gibt auch Seminare für Studierende – „abwechselnd in der Uni, der Synagoge und unserem Gemeindehaus.“ Seit 1994 befindet sich die Synagoge im Gebäude einer ehemaligen Baptistenkirche an der Leo-Trepp-Straße 17. Rasch wurde das Gebäude zu klein und das Nachbargebäude zum Gemeindehaus.

Rabbi Simon hat noch viel mit der Gemeinde vor, er wünscht eine intensive Jugendarbeit mit regelmäßigen Freizeitaktivitäten.

Zwei Stellenangebote aus der Landeshauptstadt hat er übrigens schon ausgeschlagen, „ich bin völlig zufrieden hier“, macht er eine abwinkende Geste und ergänzt: „Oldenburg war schon immer besonders für das jüdische Leben. Nathan Markus Adler war im 19. Jahrhundert zum Beispiel Landesrabbiner im Herzogtum Oldenburg, seine Nachkommen sind noch heute eine wichtige Rabbinerfamilie in England.“

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