Oldenburg /Stuttgart Am 12.4.1934 verkünden die „Nachrichten für Stadt und Land Oldenburg“, dass Handelsschulrat Dr. Willi Eilers am 1. April die Leitung der Weltkriegsbücherei in Stuttgart übernommen hat. Der neue Leiter stammt aus Oldenburg, was im Text eigens mit Sperrschrift hervorgehoben wird. Der Artikel und die weiteren Hervorhebungen zeigen deutlich, dass man sehr stolz ist, dass ein Landeskind diese Position erringen konnte. Schließlich handele es sich bei der 1915 gegründeten Weltkriegsbücherei um die „größte Kriegsbibliothek der Erde“.

In Deutschland waren während des Ersten Weltkriegs mehr als 200 Kriegssammlungen entstanden. Bibliotheken und Archive, aber eben auch private Sammler, engagierten sich mit immensem Aufwand an dem patriotisch motivierten Versuch, die „Große Zeit“ zu dokumentieren.

Nach der deutschen Niederlage stellte sich die existenzielle Frage, wie die Materialberge einer kriegsmüden Öffentlichkeit nähergebracht werden können. Gründungsdirektor Friedrich Felger hatte sich in der Weimarer Republik den Gegnern des Versailler Vertrags und der „Kriegsschuldlüge“ angedient. Gleichzeitig sah er die Weltkriegsbücherei auch als Erinnerungsstätte an die Leiden der Soldaten. Um der Bibliothek eine finanzielle Grundlage zu verschaffen, wurde 1928 eine Stiftung eingerichtet.

Was bedeutete nun – ein Jahr nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten – die Ablösung des erst 51-jährigen bisherigen Direktors? Der Artikel erwähnt, dass sich der am 20. November 1896 in Osternburg geborene Eilers 1914 als 17-Jähriger freiwillig zum Kriegsdienst meldete und bis „Ende des Ringens an der Front gewesen“ sei. Anschließend habe er Geschichte, Germanistik und neuere Sprachen in Tübingen studiert. Ab 1923 sei er als Lehrer an der Höheren Handelsschule in Stuttgart tätig gewesen. „Von dort aus erfolgte die ehrenvolle Berufung“. Was ihn aber vor allem für den Job prädestinierte, geht deutlicher aus anderen Artikeln hervor. So feiert die Württembergische Zeitung ihn als „aktiven SA-Mann“.

Tatsächlich brachte Eilers gute Voraussetzungen für eine Karriere im Dritten Reich mit. Er war nicht nur Mitglied der SA, sondern auch der NSDAP und des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB). Auf seiner NSLB-Karteikarte ist vermerkt, dass beim Umgang mit ihm äußerste Vorsicht geboten sei, denn es handele sich um einen „Mann mit vielen Beziehungen“.

Kaum im Amt versuchte Eilers, den Stellenwert der Bibliothek zu erweitern. Dabei kam ihm entgegen, dass der Erste Weltkrieg, nach wie vor Sammelschwerpunkt der Bestände, im neuen Staat Konjunktur hatte. Hitler selbst stilisierte sich immer wieder als Frontsoldat des Ersten Weltkrieges. Der Kampf gegen den Versailler Vertrag war zentrales Thema der NSDAP. Für Eilers‘ Ausrichtung der Bibliothek galt: „Erst der Führer hat durch seinen Kampf und Sieg dem Weltkrieg einen höheren Sinn gegeben.“

Ziel des linientreuen Direktors war es, die Bibliothek stärker an der „weltanschaulichen Schulung unseres Volkes“ zu beteiligen. 1939 wusste Eilers zu berichten, „dass verschiedene Reichsstellen der Partei neuerdings starkes Interesse für unser Institut zeigen und eine Zusammenarbeit anstreben“.

Ihm schwebte vor, die Kriegsbücherei zum Grundstock für die Bibliothek der Hohen Schule der NSDAP zu machen, einer von Alfred Rosenberg geplanten nationalsozialistischen Eliteuniversität. Der Stiftungsrat der Weltkriegsbücherei lehnte jedoch ab. Stattdessen wurde Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess Schirmherr der Bibliothek.

Während des Zweiten Weltkriegs, den Eilers unter anderem in den besetzten Niederlanden und an der Ostfront verbrachte, ist er nur selten in der Kriegsbücherei anzutreffen. Noch in einem Brief vom 7. November 1944 schrieb er an seine Kollegen: „All mein Mühen und Streben ist von früh bis spät darauf eingestellt, den Endsieg zu erringen, an den wir fest glauben.“ In den Augen des Stiftungsrats schien dem Direktor der Kriegsdienst wichtiger zu sein als die Leitung der Bibliothek; Eilers wird vorgeworfen, sich nicht ausreichend für Beurlaubungen einzusetzen.

Nach der deutschen Kapitulation stellte er für den Stiftungsrat eine Belastung dar. „Im Interesse einer gedeihlichen Fortentwicklung“ wird er im August 1945 gebeten, sich zukünftig „jeder Tätigkeit für das Institut zu enthalten“. Schließlich wisse er „ja selbst am besten, wie weit [seine] Tätigkeit zugunsten der NSDAP vor dem Kriege gegangen ist“. Obwohl er früher häufig bei seiner Familie im Haareneschviertel wohnte, kehrt er nicht nach Oldenburg zurück. Ab 1949 lebte er in Darmstadt, wo es ihm es trotz seiner Vergangenheit gelingt, in den Schuldienst aufgenommen zu werden.

Die Weltkriegsbücherei wird 1948 in Bibliothek für Zeitgeschichte umbenannt und ist heute eine der größten Spezialbibliotheken für Zeitgeschichte in Europa.

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