Oldenburg Da steht er, der Kabinenroller aus dem Jahr 1957. Der elfenbeinfarbene Lack schimmert, das dunkelrote Interieur strahlt Understatement aus, die Plexiglashaube schmeichelt dem Gefährt mit ihren weichen Rundungen – und über den harmonisch geschwungenen Kotflügeln blicken die Scheinwerfer keck durch das riesige Hallenfenster über die Hunte. Oliver Herbolzheimer (57) steht in der Radsatzwerkstatt auf der ehemaligen Brand-Werft neben dem Messerschmitt-Oldtimer: „Eigentlich“, sagt er, „ist das, was da drin steckt, Hinterhoftechnik.“

Drei Räder, ein Zylinder, wenig Technik – „mehr Kleinwagen geht nicht mit weniger Aufwand“, sagt Herbolzheimer. Das bezieht sich aber nur auf die Konstruktion des von 1953 bis 1963 gebauten Kleinmobils. Denn trotz der einfachen Technik schwören rund 5000 Menschen aus aller Welt auf den Kabinenroller und lassen sich diese Leidenschaft etwas kosten – und viele von ihnen setzen beim Restaurieren auf die Fähigkeiten von Herbolzheimer. Der studierte Maschinenbauer und gelernte Karosseriebauer ist in der Szene bekannt – in aller Welt. „Wenn das Telefon klingelt“, sagt er schmunzelnd, „dann ist auch schon mal ein Mann aus Tokio dran.“ Der schickte sein reparaturbedürftiges Mobil übrigens per Schiff. Eins der nächsten kommt aus Südafrika.

Mitleid mit Kaputtem

Oliver Herbolzheimer freut sich auf jeden neuen Fall. „Ich habe Mitleid mit kaputten Dingen“, sagt er. „Ich helfe Ihnen, wieder zu funktionieren.“ Der Oldtimer, der so schön in Elfenbein schimmert, ist ein „Ding“, bei dem das gelang. Er stammt aus der Nähe von Leverkusen und kam zerlegt in der Werkstatt an der Hunte an. Rund 500 Stunden Arbeit hat Herbolzheimer seitdem in das Gefährt gesteckt, rund 35 000 Euro wird der Neuaufbau den Eigentümer kosten, der das Gefährt mit der Baunummer 274 an diesem Sonnabend wieder in Besitz nimmt. Die Karosserie wurde komplett neu aufgebaut – mit Teilen, die die acht Kolleginnen und Kollegen selbst herstellen, um die Technik wieder in den Originalzustand zu versetzen. Auch wenn’s unbequem ist. So, wie die Schaltung, deren Hebel in der rechten Seitenwand steckt; wenn man ihn berührt, wird ausgekuppelt. Das funktioniert aber nicht im Stand; wer also im Vierten an die Ampel gefahren ist, hat ein Problem, weil er nicht mehr in den Ersten kommt. Doch der Besitzer will es so; Originalität zählt. Auch beim Scheibenwischer; da die Lichtmaschine klein ist, verbietet sich ein Scheibenwischermotor. Der Wischer lässt sich mit einem Hebel bewegen, der wie ein Handbremsgriff am Lenker angebracht ist. Bei Dauerregen drohen Krämpfe in der rechten Hand. „Aber immerhin wird man nicht nass“, sagt Herbolzheimer.

Mobile für Versehrte

Und erinnert damit an die Entstehungsgeschichte. Erfinder Fritz Fend entwickelte zunächst Behinderten-Mobile für Kriegsversehrte. „Zuerst eher ein Brett mit Hand-Antrieb am Lenker“, erzählt Herbolzheimer. Dann kam ein Dach drüber, später ein Motor, dann übernahm Messerschmitt die Produktion. Zunächst gab’s das Modell mit 175-Kubik-Motor, danach den größeren 200er. Der Roller, der an diesem Wochenende zurück auf die Straße darf, ist ein 175er. „Der 200er“, sagt Herbolzheimer, „war zehn Mal besser. Der andere funktioniert halt eben so.“

Aber seine Augen leuchten, wenn er den restaurierten „Kleinen“ vorstellt. Und auch in Sammlerkreisen zählt der 175er viel. Und von denen hat so mancher überlebt. „Weil man ihn gut wegstellen konnte“, sagt Herbolzheimer. „Der passte überall hin.“ Sein erster Roller – er fährt ihn noch – überlebte eingegraben als Kinderspaß auf einem Spielplatz. Rund 5000 sind weltweit unterwegs. Und manche bringen es auf bis zu 300 000 Kilometer Laufleistung.

Gut organisiert

Herbolzheimer und seine Leute kümmern sich – wie bei anderen Oldtimern, die sie restaurieren – um die Karosserie. Manches mal wird sie ganz neu aufgebaut. Bei manchen Rollern wurden auch schon mal drei Schichten übereinander geschweißt. Mehr geht nicht. Bodenbleche für die Kabinenroller stellt er exklusiv für den Kabinenroller-Klub her. Er kennt eben alle Teile. Immer wieder rennt er ins Lager hoch, wenn er die Technik erklärt, um ein Originalteil zu holen – und findet es binnen Sekunden.

So schließen sich die Wunden der alten Schätze Stück für Stück. Und Herbolzheimers Mitleid darf enden. Bis zum nächsten Roller.

Thorsten Kuchta stv. Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
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