Oldenburg Der Film ist irre lustig, das Publikum im Kinosaal biegt sich vor Lachen. Zuschauer mit eingeschränktem Hörvermögen fühlen sich in solchen Momenten oft außen vor – zu viele Pointen entgehen ihnen. Das „Cine k“ in der Kulturetage will Abhilfe schaffen. Als eines von bundesweit zehn Kinos wurde es mit einer neuen Technik ausgestattet, durch die Menschen mit Hör- und Sehbehinderung uneingeschränkt Filme verfolgen können.

„Cinema Connect“ heißt das System, das die Kopfhörerhersteller-Tochterfirma Sennheiser Streaming Technologies GmbH als App zum kostenlosen Herunterladen anbietet und seinen Ursprung in Oldenburg hat: Forscher der Oldenburger Projektgruppe für Hör-, Sprach- und Audiotechnologie des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie (IDMT) haben die Hörunterstützungstechnologie entwickelt. „Da lag für uns eine Zusammenarbeit im wahrsten Sinne des Wortes nahe“, sagt „Cine k“-Leiter Wolfgang Bruch. 7500 Euro hat sich sein Kino das System kosten lassen.

Und so funktioniert’s: Über eine kostenlose App ruft das Mobiltelefon die Tonspur aus einem drahtlosen Netzwerk ab. Der Streaming-Server überträgt das Audiosignal des Kinofilms direkt auf das Smartphone der Besucher. Dieses gibt die Daten über die Kopfhörer wieder. Trägt man ein Hörgerät, das auf das Smartphone angepasst wurde, kann man sich die Tonsignale von der App via Bluetooth auch direkt auf die Hörhilfe schicken lassen. „Unsere in die App integrierte Technologie verstärkt nicht einfach nur die Lautstärke, sondern erlaubt es dem Kinobesucher, den Klang individuell anzupassen“, nickt Dr. Jan Rennies-Hochmuth. Der Gruppenleiter am IDMT sitzt in einem der roten Sessel im Kinosaal „Muwi“ und steckt sich In-Ear-Kopfhörer ins Ohr. Mit seinem Zeigefinger fährt er über den Touchscreen seines Smartphones und schiebt so einen kleinen Punkt über den Bildschirm. Zieht er den Punkt nach oben oder unten, steigt oder fällt die Lautstärke. Verschiebt er ihn waagerecht, wird der Ton heller oder tiefer.

„Jeder Mensch hat in Bezug auf die Sprachverständlichkeit eine persönliche Klangpräferenz. Ab einem Alter von 50 Jahren nimmt zudem bei vielen Menschen das normale Hörvermögen ab. Die Übergänge zur Schwerhörigkeit sind fließend“, erklärt Rennies-Hochmuth. Die App gewährt nicht nur Hörunterstützung, sondern überträgt wahlweise auch Audiodeskription. Wenn blinde oder sehbeeinträchtigte Menschen diesen Kanal ansteuern, bekommen sie gesprochene Filmbeschreibungen auf den Kopfhörer übertragen.

Die beiden anderen Oldenburger Kinos, Cinemaxx und Casablanca, bieten Hör- oder Sehbeeinträchtigten zwei andere Apps an, deren Namen wie ein Kino-Traumpaar klingen: „Greta“ flüstert eine Audiodeskription ins Ohr, „Starks“ untertitelt Kinofilme.

Beim Sennheiser-System „Cinema Connect“ sind Menschen mit Behinderungen allerdings nicht die alleinige Zielgruppe. Die neue Technik soll eine Kommunikationsplattform werden. Zukünftig könnte es zum Beispiel sein, dass viele Menschen den selben Film anschauen, ihn aber in verschiedenen Sprachen hören. „,Honig im Kopf’ auf Türkisch sehen und hören ist kein Problem mehr“, sagt Wolfgang Bruch vom „Cine k“.

Stephan Onnen Redakteur / Redaktion Oldenburg
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