OLDENBURG Da platzte dem Minister der Kragen: Als Lutz Stratmann, Chef des Ressorts Wissenschaft und Kultur Niedersachsens, zum Tag des offenen Denkmals im Prinzenpalais sprach, fand er für vieles lobende Worte. Für eines nicht: „Der Zustand des Mausoleums und seines Umfeldes sind eine Schande“ kommentierte Stratmann seine Eindrücke vom Gertrudenkirchhof. Sein Appell an die großherzogliche Familie, etwas daran zu verändern, traf allerdings zu mehr als 50 Prozent den Falschen: Dem Haus von Oldenburg gehört zwar das Mausoleum – für das Umfeld (und darum ging es wohl hauptsächlich in der Kritik) zeichnet die Kirchengemeinde Oldenburg verantwortlich.

Und die tut schon, was sie kann, sagt Petra Adomeit, Vorsitzende des Friedhofsausschusses der Gemeinde. In der Tat sind die Probleme, die der Erhalt von rund 650 historischen Grabsteinen und -kellern (von insgesamt 13 000 Gräbern) aufwirft, seit langem bekannt. So hatte der Garten- und Landschaftsarchitekt Hergen Götz 1993 den Bestand aufgenommen und die Kosten für eine Generalsanierung auf elf Millionen DM veranschlagt hatte – davon sieben Millionen für die Gräber. Daraufhin setzte die Kirchengemeinde 1994 Prioritäten; zunächst hieße es, solle das Grabmal Hendorff restauriert werden – das geschah 2008. Es mangelte an Mitteln; so hatte auch Niedersachsen dafür kein Geld übrig. Priorität für Denkmalschutzmittel hätten Wohnhäuser, hieß es 1994 aus der Behörde, die heute in Stratmanns Bereich fällt. Letztlich gab die Deutsche Denkmalstiftung 6000 Euro.

Von Straßen umgeben

Dass das Umfeld des Mausoleums Stratmann mißfiel, könnte ganz profane Gründe haben. Am Nordende des Friedhofs befinden sich die Wirtschaftsgebäude; hier lagern Trümmer von Grabsteinen ebenso wie Werkzeuge, Grünschnitt, und hier befindet sich ein abgängiger Toilettentrakt. Das alles zu ersetzen ist für die Kirchengemeinde ein Großprojekt, sagt Petra Adomeit: „Wir planen mittelfristig.“ Sie gibt zu bedenken, dass es für Gebäude keinen Platz außerhalb der Friedhofsmauern gibt: „Wir sind von Straßen umgeben.“

Zerbrechliche Würde

Und nicht nur das: Da der Gertrudenkirchhof mitten in der Stadt liegt, teilt er auch ihre Probleme. Wohnungslose aus dem Treff an der Ehnernstraße und Drogenabhängige von der Rose 12 an der vorderen Alexanderstraße gehören zu den Besuchern. „Wir haben damit kaum Probleme“, sagt Petra Adomeit. Andere sehen die Würde des Ortes von Spritzbestecken angekratzt. Dass die Mauern von Mausoleum und Friedhof an der Ehnernstraße von Graffiti übersät sind, trifft auch nicht jedermanns Geschmack, kann aber kaum dem Haus Oldenburg angelastet werden.

Bleibt das Mausoleum, das sich dem Betrachter allerdings nicht in einem Zustand präsentiert, den man als „Schande“ titulieren muss – es überragt stumm und abweisend die ringsum liegenden Grabmäler von dem einstigen Hof nahestehenden Funktionsträgern und gilt als eines der ersten klassizistischen Gebäude der Stadt (erbaut 1786 bis 1789).

Als 1919 in Deutschland der Adel abgeschafft und auch das Haus Oldenburg abdanken musste, wurden deren Besitztümer fein säuberlich auf Privat- und Staatsbesitz aufgeteilt. Damals fiel etwa das Oldenburger Schloss an den Staat, die Residenz in Rastede und das Mausoleum blieben im Privatbesitz der ehemaligen Herrscherfamilie. Der letzte regierende Großherzog Friedrich August wurde hier 1931 zur Ruhe gebettet, seine Frau Großherzogin Elisabeth 1955, sein Sohn Erbgroßherzog Nikolaus 1970.

Kontakt abgebrochen

Der inzwischen 94 Jahre alte Pastor Hans von Seggern, auch Chronist des Gertrudenkirchhofs, verfügte noch über einen Schlüssel zur Grablege, führte auch immer wieder Interessierte in das monumentale Gebäude. „Der Kontakt zum Haus Oldenburg ist aber abgerissen“, sagt Petra Adomeit, „deswegen sind die Türen immer verschlossen.“

Thorsten Kuchta stv. Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
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