OLDENBURG OLDENBURG - Die Musik von Gustavo Becerra-Schmidt vereint scheinbar Unvereinbares: Formstrenge und Freude am Experiment, das Schöpfen aus der Geschichte und der Versuch ihrer Überwindung, nüchterne Arbeit am Material und politisches Engagement, spröde Intellektualität, Temperament und Humor. Wiewohl weit entfernt von Propagandistischem, prägt ein im umfassenden Sinne emanzipatorischer Ansatz sein Werk – auch mit der Folge, dass es in der Art eines Dialoges mit den Dingen „umzu“ stets in sich offen bleibt.

Zu akademisch? Beileibe nicht! Wer sich im Konzert im Kulturzentrum PFL darauf einließ, wurde belohnt mit lebendiger, praller Musik, emotional fesselnd und reich an Bezügen. „Charivari“ etwa, „Katzenmusik“, ein zwölftönendes Ständchen für drei Spieler mit 42 Lärm-Instrumenten, persifliert Tradition, indem es deren Möglichkeiten gleichsam dekonstruiert und dann implodieren lässt: in Krach, der „Ursuppe“ aller Musik. Die „Balistocata“ kommentiert die Militärdiktatur in Chile. Auf ametrisch zerklüftetem Grund vollziehen sich Kämpfe, lautmalerisch gezeichnet oder markiert durch Zitate aus der Musikgeschichte. Immer wieder ist es der spielerisch-souveräne Umgang mit ihr, der Neues schafft, etwa im „Tryptichon“ nach Texten von Brecht oder „Gog und Magog“, im „Trio“ oder den „Scanning Variations“.

Der Erfolg des Konzerts war auch einer der Ausführenden. Das rumänische „Ensemble Kontraste“ (Ion Stefanescu, Dorin Cuibariu, Doru Roman und Sorin Petrescu) ist phänomenal. Umfassend gebildet, technisch unglaublich versiert, im Spiel gleichermaßen konzentriert wie von Spielfreude beseelt, sind die vier Musiker dank ihrer musikalischen Intelligenz und wegen ihrer Offenheit gegenüber den unterschiedlichsten Genres so etwas wie „geborene“ Becerra-Interpreten. Insofern ist es eigentlich kein Wunder, dass sie sich entschlossen, seine Werke neu zu arrangieren.

Aber was ihnen dabei geglückt ist! In Oldenburg stellten sie es als Uraufführung vor: Ein Feuerwerk brillant umgesetzter Ideen (über 20 Instrumente kamen zum Einsatz, bisweilen spielte jeder Musiker gleichzeitig mehrere) ließ die „Balistocata“ in nie gekannten Farben sprühen oder schuf im „Andante“ eine perfekt orchestrale Anmutung. Helge Rowold, Rezitation und Gesang in „Tryptichon“ und „Gog“, gefiel mit makelloser Phrasierung, gediegenem Duktus und warm timbriertem Bass.

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