Eversten Es war die Zeit, als aus Feinden Freunde wurden. Die Oldenburger hatten die Stadt zum Ende des Zweiten Weltkriegs kampflos an die anrückenden kanadischen und britischen Truppen übergeben, England verwaltete von hier aus den Nordwesten.

Helga Rhode (91) und Ada Balleer (97) erinnern sich noch gut an die Zeit, als das Leben in Deutschland langsam wieder zur Normalität zurückkehrte. Großen Anteil daran hatten in Oldenburg die Besatzer aus England, die sich alsbald in das gesellschaftliche Leben integrierten. Einer von ihnen war Harry Castle, erinnern sich die beiden Frauen. Gemeinsam gründeten sie 1954 eine „Conversation Group“. Ada Balleer hatte als Köchin in der Offiziersmesse gearbeitet, sprach englisch und wurde so zur Ansprechpartnerin für die Soldaten.

65 Jahre später sitzen im Aufenthaltsraum im DRK-Altenheim an der Bodenburgallee auch Marianne van Meegen (75), Klaus Pöppelmeier (75), Dr. Pierre Ackad (82) und Helga Neumann (76) mit am Tisch – und erzählen.

Im Mittelpunkt der Erinnerungen steht Harry F. L. Castle, der in diesem Jahr seinen 117. Geburtstag gefeiert hätte. Er leitete die Gruppe bis zu seinem Tod im Jahr 1983. Die „Group“ wurde dann auf dringenden Wunsch der Mitglieder von seiner Ehefrau Ingeborg Castle übernommen.

Ihr Ehemann war im Zweiten Weltkrieg im Mittleren Osten eingesetzt worden, kam dann zur Rheinarmee und wurde in Bersenbrück Kommandant. 1952 wurde er nach Oldenburg versetzt und als Kulturreferent eingesetzt – so erklärt sich auch die Affinität zum kulturellen Austausch in einer Konversationsgruppe. Von 1956 bis 1959 war Castle dann Vizekonsul in Bremen.

In Oldenburg traf man sich im British Center, in dem später die Brücke der Nation untergebracht war. Das Haus an der Gartenstraße 5 befindet sich heute im Privatbesitz eines Unternehmers. Castle unterrichtete zudem in verschiedenen Oldenburger Schulen Englisch.

In den besten Zeiten kamen zwölf bis 15 Leute zu den Gesprächsabenden, die einmal pro Woche stattfanden. 1992 zog man ins Kulturzentrum PFL an der Peterstraße und die Treffen wurden auf einmal im Monat reduziert. Heute kommen die Teilnehmer in der Paulusschule an der Margaretenstraße zusammen. Auf dem Tisch liegt immer als ständige Begleiter das Langenscheidt-Lexikon, wenn einem die Vokabeln tatsächlich mal fehlen sollten, was selten vorkommt.

„Die Engländer liebten Oldenburg und vor allem das Theater“, erzählt Marianne van Meegen. Die Gesprächsgruppe war Bestandteil des Aussöhnungsprojekts. Castle sei ein echter Brückenbauer zwischen den Nationen gewesen. Unvergessen sind die Christmaspartys (Weihnachtsfeiern) bei Familie Castles, zu denen Minzpies gebacken wurden.

Beerdigt wurde Castle von Klaus Pöppelmeier, der Pastor war. Die Aufzeichnungen in seiner Kladde aus dem Trauergespräch hat er immer noch. Aus der Kladde kann er auch heute noch zitieren. Castle selbst hat nie über den Krieg oder den Nationalsozialismus gesprochen. Selbst hat er mit seinen Kameraden die Befreiung eines Konzentrationslagers miterlebt.

Seine Ehefrau übernahm nach dem Tod ihres Mannes die Gruppe auf mehrmaliges Bitten hin. Ingeborg Castle war Dolmetscherin. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie in ihrem Geburtsort Aachen für die Engländer gearbeitet. Durch diesen Beruf lernte sie ihren Mann kennen, der beim britischen Auswärtigen Amt angestellt war. Harry Castle war Lehrer aus Winchester. Das Schicksal führte sie nach Oldenburg.

Ingeborg Castle starb im Mai 2008, die „Conversation Group“ lebt heute noch.

Thomas Husmann Redakteur / Redaktion Oldenburg
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