Donnerschwee Wir sind nicht eure Kinder. Wir sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht des Lebens nach uns selber. Ihr dürft uns eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, Denn wir haben unsere eigenen Gedanken.

„Wir haben auch was zu sagen.“ Lara Caetano verschränkt die Arme über der Brust. Für Poesie hat sie jetzt keinen Sinn. „Unsere Politiker sind nicht mehr die Jüngsten. Natürlich machen die sich keinen großen Kopf über die Zukunft. Aber wir müssen mit dem Leben, was sie entscheiden.“ Die 18-Jährige ist unzufrieden. Darum geht sie auch zu den „Friday-for-Future“-Demos.

Geschichte und Zukunft

Anders scheint ja keiner zuzuhören, sagt die Schülerin. Publikum hat sie garantiert in ein paar Wochen. Ab dem 3. Juni steht sie gemeinsam mit den anderen Darstellern des Jugendclubs de Kulturetage auf der Bühne. In „Ex Post Facto“ geht es um das große Thema Demokratie: Die Erfindung in Athen, den drei Säulen und ihren unterschiedlichen Ausprägungen, Transformationen und die Frage, was jeder von uns von der Demokratie hat. Historische Entwicklung und große Reden führen in die Gegenwart – und zu einem ungleichen Kampf.

„Am Anfang gibt es keine Demokratie sondern Diktatur. Es gibt die Kellerkinder und die Elite“, sagt Maria Huth. Natürlich wollte die 19-Jährige lieber eine der Rebellinnen spielen. Wie die meisten der 15 Jugendlichen. Entschieden hat dann das Los. Wie bei einer Fußballmannschaft wurden zwei gezogenen Teamplayer aufgefordert ihre Mann- und Frauschaft zusammen zu stellen. „Und die haben wir dann noch mal getauscht“, sagt Gina Schumm. Die Leiterin für politische Bildung der Jugendkulturarbeit lacht schelmisch.

Dass gerade die, zu denen es am wenigsten passt, die Bourgeoisie mimen müssen, war geplant. „Es ist auch besser eine Rolle, statt sich selbst auf der Bühne zu spielen“, resümiert Maria Huth, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr im Jugendprojektehaus auf dem Gelände der alter Donnerschwee-Kaserne absolviert. Seit November 2018 recherchiert, textet und probt sie mit ihren Altergenossen für den großen Auftritt.

Das Thema haben Gina Schumm und Theaterpädagogin Margit Ostern vorgegeben. Material haben die beiden Initiatorinnen etliches gesunden – und mitgebracht. Die 16- bis Anfang 20-Jährigen haben sich mit historischem Material, philosophischen Gedanken, etwa von Machiavelli, literarischen Passagen aus der Zeit des Sturm und Drang, der Gegenwart vor der eigenen Haustür und weltweit aber auch ihrer persönlichen Haltung auseinandergesetzt. Die Frage, ob Demokratie in allen Gesellschaften das richtige Politikmodell ist, blieb unbeantwortet. Was Demokratie überhaupt ausmacht und ob man sie verbessern kann, wurde allerdings über viele Stunden diskutiert.

Einmal die Woche hat sich der Jugendclub, bestehend aus Anfängern und alten Nachwuchstheater-Hasen, getroffen. Dazu kamen Wochenendkurse. Jetzt, gut zwei Wochen vor der Premiere, geht es in die heiße Phase. Geübt werden muss Prolog, szenischer Hauptteil und Epilog. Die Texte stammen zum Großteil aus der Feder der jungen Darsteller. Inspiriert von Schillers „Die Räuber“ sind choreografische Szenen entstanden, die die Inszenierung einrahmen: Die Kellerkinder auf der einen Seite führen einen Kampf gegen Diktatur, Macht und Kapital. Auf der anderen Seite wird die Elite mit ihren Ängsten konfrontiert und muss sich für Andere öffnen, um zu überleben. Die einen verlieren, die anderen gewinnen, wieder andere wechseln die Seiten. Allen ist gemeinsam, dass sie ein eigenes Leben und glücklich sein wollen.

Streiken statt schwänzen

„Die Erwachsen sagen immer, dass wir erst Studieren und uns dann um so Sachen wie das Klima kümmern sollen“, sagt Lara Caetano – „aber die Zeit haben wir einfach nicht.“ Von den Politikern im Bundestag fühlt sich die 18-Jährige nicht besonders gut vertreten. „Das ist alles so altbacken.“ Auf die Straße, statt zum Unterricht zu gehen, ist für die Schülerin logische Konsequenz. Wie, wo, wann sonst?

Dass da von Schwänzen die Rede ist, leuchtet Gina Schumm nicht ein. „Gewerkschaften streiken schließlich auch während ihrer Arbeitszeit“, sagt die Pädagogin. Auch die Empörung der Erwachsenen ist ihr fremd: „Da wird immer genörgelt, dass sich die jungen Leute für nichts interessieren und von den Medien verblödet sind und jetzt ändert sich was und dann ist man auch nicht zufrieden.“

Warum dieser Wandel gerade jetzt passier? Sie hebt die Schultern. Aufgefallen in ihrer langjährigen Arbeit mit Jugendlichen sei ihr, dass es heute mehr Probleme, als vor 20 Jahren gebe. Sie habe mit wesentlich mehr psychischen Auffälligkeiten zu tun. Liegen könne das auch an einer Elterngeneration, die unzufrieden durchs Hamsterrad hetze.

Lara Caetano zumindest möchte das Übel selbst beim Schopf packen. „Vielleicht gehe ich in die Politik“, überlegt die 18-Jährige. Die meisten jüngeren Abgeordneten kämen ihr vor wie 50-Jährige, gefangen im Körper eine Mittzwanzigers. Sie lacht bitter. Obwohl das alles überhaupt nicht komisch ist. Eher tragisch. Bühnenreif eben. Und so erhebt die Jugend ihre Simme:

Ihr dürft unseren Körpern ein Haus geben, aber nicht unseren Seelen. Denn unsere Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.  Premiere hat das Stück „Ex Post Facto“ am Montag, 3. Juni, um 19.30 Uhr in der Kulturetage an der Bahnhofstraße 11, weitere Aufführungen sind hier am Dienstag, 4. Juni, um 11 und 19.30 Uhr. Im Rahmen der Jugendtheatertage ist das Stück am Mittwoch, 26. Juni, um 20 Uhr in der Exerzierhalle am Pferdemarkt zu sehen. Karten Kosten 9, ermäßigt 6 Euro. Ansprechpartner für Interessierte ist Gina Schumm: g.schumm@jugendkulturarbeit.eu.

Lea von Deylen Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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