Oldenburg Josef K. ist ein braver Bankbeamter. Er ist höflich, ziemlich korrekt, nennen wir es pedantisch – wenn man das als Fehler betrachten will. Als er eines Morgens von drei Männern geweckt wird, die ihn davon in Kenntnis setzen, dass ihm der Prozess gemacht wird, rastet er nicht etwa aus, sondern wundert sich nur mäßig. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Es gibt keine Anklage und auch kein Urteil. Und trotzdem überlebt Josef K. seinen Prozess nicht. Ein Jahr später ist er tot.

„Kafka soll beim Vorlesen herzlich gelacht haben“, erzählt Regisseurin Christina Rast, zu deren Inszenierungen in Oldenburg neben anderen „Das Sams“ und „Willkommen in Theben“ zählen. „Das Lachen ist bei Kafka eine ganz wichtige Komponente“, betont sie, auch wenn es nicht befreiend sei.

Franz Kafka (1883-1924) hatte den Roman fragmentarisch in wenigen Monaten niedergeschrieben. Seine Verlobung war zu jener Zeit gerade aufgelöst worden. Er soll sich, als es zu einer Aussprache kam, wie ein Angeklagter bei Gericht gefühlt haben. Zeitgleich brach der erste Weltkrieg aus.

„Zum Glück besaß Kafka so viel Humor, dieses beklemmende Thema mit der ihm eigenen absurden bis brüllend komischen Sprache zu beschreiben“, meint Dramaturgin Catharina Hartmann und betont: „Das Stück ist keinesfalls bedrückend.“ Kafka lasse seine Figuren liebevoll straucheln und stolpern, bevor sie kläglich zugrunde gingen.

Regisseurin Christina Rast verortet das Schauspiel in einem expressionistischen, sinnlichen Raum mit schwarzweißer Ästhetik. „Es wirkt ein bisschen altmodisch mit Schreibmaschine und abblätternden Altbau-Türen“, beschreibt sie das Bühnenbild von Franziska Rast. Wie in einem Albtraum sieht der Beamte Josef K., der von Denis Larisch gespielt wird, hier seine Welt merkwürdig distanziert und grotesk. „Die Menschen um ihn herum scheinen nicht real zu sein“, sagt Christina Rast. Ihre Identität sei vielmehr das Ergebnis seiner subjektiven, befremdlichen Wahrnehmung.

Mit Gesellschaftskritik allein werde man dem Stück nicht gerecht, erläutert sie. Kafka sei auf fast unheimliche Weise weitsichtig gewesen. Es gehe gar nicht so sehr um Machtmechanismen an sich. Sondern vielmehr darum, wie sehr jeder einzelne diese verinnerlicht habe. „Josef K. will sein Gesicht nicht verlieren“, bilanziert die Regisseurin. „Er führt einen Prozess gegen sich selbst, den er am Ende nicht gewinnen kann.“

Zu den weiteren Mitwirkenden zählen Eike Jon Ahrens, Antonia Labs, Rüdiger Hauffe, René Schack und Sebastian Herrmann. Andreas Dobberkau, bekannt aus der Fernseh-Serie „Küstenwache“ und seit 2010 in Oldenburg wohnhaft, ergänzt das Ensemble bei diesem Stück als Gastschauspieler.


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