Oldenburg Aufregung vor dem „größten kleinen Festival der Welt“: Im Interview mit NWZ-Redakteur Stephan Onnen spricht Filmfest-Chef Torsten Neumann über Nicolas Cage und Karriereschübe aus Oldenburg. Er wirbt für einen höheren Zuschuss der Stadt.
Frage:  – Das 23. Filmfest – Routine schleicht sich trotzdem nie ein, oder?
Neumann: Nein, überhaupt nicht. Dabei würde ich mir das durchaus wünschen. Dass wir als Team nicht immer wieder bei Null starten müssen. Auch das, was eigentlich eingespielt ist, muss immer wieder neu angestoßen werden – die Locations, die Partner. Ich bin jedes Mal wieder aufs Neue extrem nervös, bevor es losgeht. Das werde ich auch nie ablegen. In den ersten Jahren bin ich auf der Bühne 1000 Tode gestorben, jetzt sterbe ich nur noch 100 Tode.
Frage: In diesem Jahr ist ja noch einiges an Extra-Kitzel hinzugekommen...
Neumann: Das kann man so sagen. Der Eröffnungsfilm „Strawberry Bubblegums“ wird erst an diesem Wochenende endgültig fertig, den hat also noch niemand ganz gesehen. Und dann die Aufregung seit der Zusage von Nicolas Cage. Das ist der Wahnsinn, was hier los ist. Die Telefone stehen nicht still, wir werden mit Anfragen bombardiert.
Frage: Apropos Nicolas Cage – wie passt ein Blockbuster-Millionär zum Independent-Charakter des Filmfests?
Neumann: Auf den ersten Blick passt er nicht. Aber wenn man genauer hinguckt, muss man sagen: Besser geht’s gar nicht. Nicolas Cage ist der interessanteste der ganz großen Hollywood-Stars. Was seine Karriere angeht, sind wir uns einig, dass er der Star ist, der sich am meisten traut. Bei seiner Rollenauswahl entspricht Nicolas Cage selten der Erwartungshaltung. Von daher passt er absolut hierher. Er bekennt sich zu seinen Independent-Wurzeln. Er ist ein extrem spannender Gast.
Frage: Tun Hollywood-Stars dem Filmfest generell gut?
Neumann: Wenn wir das organisatorisch überstehen, ist das das Beste, was uns passieren konnte – ganz klar. Es wird nichts geben, was uns mehr Aufmerksamkeit bringt. Unser Job ist es seit einer Woche eher, darauf aufzupassen, dass die anderen Gäste daneben nicht untergehen. Aber es freuen sich natürlich auch alle darauf, mit jemandem wie Cage fünf Tage zu verbringen. Es kribbelt bei allen mehr. Für junge Filmemacher ist es überragend, mit Größen wie Nicolas Cage und Amanda Plummer – sie ist unser zweiter Ehrengast – ins Gespräch zu kommen. Das kann sehr wertvoll sein.
Frage: Was bleibt das Besondere am Oldenburger Filmfest?
Neumann: Das Ungewöhnliche und das Nicht-Alltägliche. Das ist auch genau der Grund, warum sich Nicolas Cage für uns interessiert. Wir sind anders als die anderen Festivals, es gibt eine tolle Atmosphäre hier. Die Filmauswahl wird überall hochgelobt. Die Fachzeitschrift „Hollywood Reporter“ nennt uns das „größte kleine Filmfestival der Welt“.
Frage: Sie haben einmal gesagt „Fernsehen bedroht das Kino“. Trotzdem läuft mit „Strawberry Bubblegums“ ein Eröffnungsfilm, der für die NDR-Reihe „Nordlichter“ produziert wurde. Wie ist dieser Spagat gelungen?
Neumann: Ich steh’ nach wie vor zu dem Satz. Die „Nordlichter“-Reihe ist eine Form von Nachwuchsförderung für Debütfilmer. Meiner Meinung nach hat „Strawberry Bubblegums“ das Potenzial zur Verwandlung in einen echten Kino-Film. Diesem Roadmovie – großartig besetzt mit Jasmin Tabatabai, Gloria Endres de Oliveira und André Hennicke – stehen alle Wege offen. Wir können den Film in die richtige Richtung stupsen. Das hat Oldenburg schon mal bei „Oh Boy“ mit Tom Schilling geschafft, der von hier aus zu ungeahnter Größe aufgestiegen ist. Der Weg ins Fernsehen ist für „Strawberry Bubblegums“ zwar gesetzt, würde aber fürs Kino verschoben werden. Ich bin sehr gespannt, wie das Publikum reagiert.
Frage: Wie hat der um 10 000 auf jetzt 60 000 Euro von der Stadt erhöhte Zuschuss dem Filmfest geholfen?
Neumann: Das sind drei Prozent unseres Gesamtbudgets. Nichtsdestotrotz ist das ein wunderbares Zeichen. Es lindert die Not.
Frage: Lässt sich damit der von einer international besetzten Jury vergebene German Independence Award, mit dem jetzt zum dritten Mal in Folge ausgesetzt wird, wiederbeleben?
Neumann: Der Preis hat viel für die Reputation des Festivals getan. Er war ja mal als eine Stadtmarketing-Maßnahme als Ereignis im Ereignis konzipiert und mit insgesamt 50 000 Euro kalkuliert. Davon waren 10 000 Euro als Preisgeld vorgesehen. Plus die 50 000 Euro fürs eigentliche Festival. Wir müssten künftig realistisch darüber reden, die Förderung wieder auf das alte Level, also 100 000 Euro, zu heben. Wir hätten dann jetzt wahrscheinlich Nicolas Cage als Jurypräsidenten gehabt. Der noch verbliebene, mit 2000 Euro dotierte Publikumspreis ist für niemanden ein Grund, seinen Film nach Oldenburg zu bringen.
Frage: Welche Filme sollte man nicht verpassen?
Neumann: Ich bin sehr angetan vom türkischen Film „The Apprentice“ um einen Schneiderlehrling in Istanbul, der sich in einem Netz aus Paranoia und Todesangst verstrickt. Oder der israelische Film „One Week in a Day“ – der ist sehr berührend, der wird mächtig gut ankommen hier, die Leute werden heulen. Und dann gibt’s noch die kleinen, schrägen Sachen: „Are we not cats“ zum Beispiel. Der ist auch in Venedig eingeladen. Danach kommt er direkt zu uns. Es geht um eine zwanghafte Leidenschaft, das Ausreißen und Essen von Haaren. Gleichzeitig ist der Film eine bezaubernd schöne Liebesgeschichte. Man muss bei uns bereit sein, eine Welt zu betreten, die auch mal verstörend wirken kann.

  www.nwzonline.de/filmfest 
Stephan Onnen Redakteur / Redaktion Oldenburg
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