Oldenburg „In meinem Leben verdank’ ich alles meiner Frau.“ Hans von Seggern lehnt sich in einem großen, einladend aussehenden Sessel in seinem Wohnzimmer im Haus am Marschweg zurück. Um ihn herum reihen sich fast unzählige Bücher in den hohen dunklen Wandschränken auf. Viele davon behandeln kirchliche Themen, einige auch die jüngere deutsche Geschichte. Die kann Hans von Seggern aber auch aus eigener Anschauung schildern. Wenn der evangelische Pastor im Ruhestand an diesem Donnerstag seinen 100. Geburtstag feiert, blickt er auf ein sehr bewegtes Leben zurück.

Optimistischer Zeitgeist

„Es war eine sehr fröhliche Zeit, als meine Eltern ihr erstes Baby in den Händen hielten.“ Von Seggern hebt beide Hände in die Höhe und lächelt, als würde er selbst ein Kind halten. Als der heute Hundertjährige am 24. April 1914 zur Welt kam, waren die Deutschen in Hochstimmung. Es war kurz bevor der Erste Weltkrieg einen dunklen Schatten über den Optimismus im Land warf. „Ich war im Krieg ohne Eltern“, sagt von Seggern. Der Oldenburger verlor seine Mutter zu Beginn des Krieges.

Es war seine Großmutter Auguste, die in das elterliche Haus in der Bachstraße zog und Hans von Seggern aufzog. „Später heiratete mein Vater erneut, dann waren wir wieder gut versorgt.“

Ob der Glaube in dieser Zeit ohne elterliche Fürsorge bereits eine Rolle gespielt habe? Hans von Seggern lehnt sich zurück und denkt nach. „Ich hatte einen guten Religionsunterricht und einen guten Konfirmandenunterricht“, sagt er schließlich und beugt sich verschmitzt lächelnd wieder ein Stück nach vorn. „Zum Glauben bin ich aber erst in der Gefangenschaft gekommen.“ Eigentlich wollte er die juristische Laufbahn einschlagen. In Heidelberg hatte er bereits mit dem Studium begonnen, als auch er nicht vom Zweiten Weltkrieg verschont blieb.

Hans von Seggern wurde zum Offizier ausgebildet, schwer verwundet kam er schließlich ins Lazarett. Doch seine Zeit beim Militär war damit nicht beendet. Schließlich ließ er sich zum Major im Generalstab ausbilden. Das brachte den damals noch sehr jungen Oldenburger einen Monat nach seiner Heimkehr aus dem Krieg in die Gefangenschaft. Im belgischen Lager Zedelgem musste er zwei Jahre lang einsitzen.

Eine Sache aus dieser Zeit, hat ihn für sein Leben geprägt: Schon am ersten Sonntag seiner Gefangenschaft, dachte er sich: „Hier muss etwas passieren.“ Von Seggern führte eine regelmäßige Zeit der Besinnung ein, gegen Ende seiner Zeit im Kriegsgefangenenlager hielt er sogar Gottesdienste – das einzige Buch, was ihm zur Verfügung gestanden hatte, war die Bibel. „Trotz aller Härten denke ich sehr dankbar an diese Zeit zurück“, sagt Hans von Seggern.

Als er nach Oldenburg zurückkehrte, ging er zunächst bei seinem Vater im Reisebüro in die Lehre – er sollte die Geschäfte als einziger Erbe übernehmen. In dieser Zeit besuchte er regelmäßig die biblische Arbeitsgemeinschaft von Bischof Stählin.

„Ein Freund hatte ihm berichtet, dass ich in Gefangenschaft Gottesdienste gehalten habe.“ Daraufhin sei der Bischof auf ihn zugekommen und habe ihn zum Theologiestudium ermuntert. Seine erste Ehefrau, Leni, war nicht so begeistert von den Plänen des damals 34-Jährigen, doch sie ließ ihn schließlich ziehen.

Es führte ihn wieder nach Heidelberg, wo er sogar noch als Student eingeschrieben war. „Da lag das Tausendjährige Reich dazwischen und ich war immer noch Student in Heidelberg“, sagt Hans von Seggern lachend. Nach sechs Semestern absolvierte er sein Vikariat in Westerstede. Sieben Jahre später kam der Ruf aus Bonn: Er solle als Militärseelsorger nach Fontainebleau bei Paris gehen.

„Ich wollte nein sagen, ich fühlte mich wohl in Westerstede“, sagt der Pfarrer im Ruhestand. Doch das kam nicht infrage, auch Leni von Seggern willigte schließlich ein. So fand er für acht Jahre bei Paris eine „dankbare Gemeinde“. 1963 starb seine erste Ehefrau an Leukämie, vier Kinder hatte sie aufgezogen und von Seggern damit auch den Weg für seine theologische Karriere freigehalten.

Anstrengende Aufgabe

Die setzte sich in Bonn fort: Als theologischer Referent arbeitete er für den Bischof. „Das waren zehn sehr anstrengende Jahre.“ Seine zweite Frau, Irmgard, die er in Westerstede als Pastorin kennengelernt hatte und mit der er noch zwei weitere Kinder bekam und großzog, half ihm durch die schwere Zeit – und hält ihn bis heute fit, wie er mit liebevollem Blick zu der inzwischen 85-jährigen Lebenspartnerin erwähnt.

„Ich hab mir schon als Schüler gewünscht: eine gute Familie, eine Frau und eine Tätigkeit für die Gemeinschaft.“ Dies habe sich alles für ihn erfüllt. Zuletzt als Pfarrer Auf dem Ehnern, wo er bis zum 69. Lebensjahr aktiv war. „Dann hatte ich Zeit für meine große Familie und auch für das geliebte Studium der Theologie.“

Bis heute besucht Hans von Seggern regelmäßig den Gottesdienst in der Nikolaikirche, und er geht gerne spazieren. Vor der Tür des Hauses grünt gerade ein junges Ligusterbäumchen. „Das hat meine Frau mir als Farbtupfer geschenkt – als Blickfang für die Gäste“, sagt Hans von Seggern. Denn 100 Lebensjahre sollen auch gefeiert werden. Unter anderem am 2. Mai: In der St. Lamberti-Kirche wird der Pfarrer im Ruhestand im Mittelpunkt der Andacht von Bischof Jan Janssen stehen.

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