OLDENBURG Es war einmal ein Missverständnis, und das ging so: Wenn ein Chor unter dem Motto „Singen für alle“ grundsätzlich jedem offen steht, Zitat: „kein Vorsingen, keine spezifischen Notenkenntnisse“, kann da ein jeder jeglicher Sangeslust frönen. Mag sein, dass dieses Missverständnis dem „Vocalforum Oldenburg“ und dessen Leiter Manfred Klinkebiel etliche anderswo noch nicht entdeckte Talente zugeführt hat. Aber Laie heißt beileibe nicht „Tralala“, und so ist jetzt, im vierten Jahr, natürlich keiner mehr im „Vocalforum“, der seine Partitur nicht lesen könnte. Und keiner der verkennen würde, wohin die Reise wirklich geht – zur Schwierigkeitsstufe Bach nämlich, um Oldenburg mit noch einem weiteren ambitionierten Laienchor zu beglücken.

Realisiert anhand von J. S. Bachs „Johannespassion“, dem zweiten Oratorienwerk, dem man sich widmet, bescherte dieses Unterfangen den Beteiligten am Sonnabend eine voll besetzte St.-Johannes-Kirche und teils enthusiastischen Applaus: dem Chor, Musikern des von Norbert Ternes geleiteten Schlossorchesters, überwiegend Laien auch sie, sowie den Gesangssolisten Nils Giebelhausen (Tenor), Sigrid Heidemann (Sopran), Silvia Mödden (Alt) und Lothar Littmann und Martin Herrmann (Bass).

Unter Klinkebiels inspirierender Leitung agierten die Mitwirkenden als weitgehend homogener Klangkörper, beseelt und temporeich, in den besten Momenten bezwingend kraftvoll und dynamisch komplex. Je höher die Stimmlage, desto besser ist der Chor aufgestellt; er erfreut mit schlankem, durchsichtigem Klang und stupender Beweglichkeit. Artikulation und Phrasierung überzeugen, die rhythmische Präzision offenbart Potenzial, und gelegentliche Eigenwilligkeiten in der Intonation werden einfach „weggefrischt“. Das gemeinsam mit dem Orchester gemalte Klangbild ist durchweg reich an Farben und feiner Hell-Dunkel-Stufung; fließende Übergänge bezeugen zudem ein ums andere Mal, wie prächtig man sich versteht.

Dem Evangelisten hat Bach neben dem Chor eine dominierende Rolle zugedacht. Der stete Wechsel der Perspektiven – erzählend, betrachtend, andächtig – verlangt eine große sängerische Leistung, und Nils Giebelhausen erbrachte sie. In begeisternder Leichtigkeit konturierte er die Rollen fast ansatzlos, transparent und unprätentiös, mit beeindruckender Bandbreite in Dynamik wie Volumen. Martin Herrmann brachte als Jesus einen ebenbürtigen Vortrag organisch ein. Daneben gerieten die Beiträge der übrigen Solisten, wie sehr sie auch gefallen mochten, zwangsläufig ins Hintertreffen.

Während der Aufführung wurden Details aus dem Kirchenfenster des 1999 verstorbenen Musiker-Künstlers Max Herrmann als Diaschau an die Wand geworfen.

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