OLDENBURG Sein ganzes Leben lang hat Domenico Scarlatti fast nur Sonaten fürs Cembalo komponiert. 555 listet das Kirkpatrick-Verzeichnis auf, 556 der neuere Longo-Katalog. Trevor Pinnock, der Pionier in der Neubelebung der Alten Musik, spielt sie so vielschichtig, als habe er sein Leben lang nichts anderes gespielt.

Immer nur Scarlatti? Von wegen! Wenn der 65 Jahre alte Brite im fünften Meisterkonzert des Kunstvereins (OKV) im Landtagssaal die Hörer bannt, dann zeigt er auch andere so vital, als habe er sich ein ganzes Leben lang nur mit dem jeweiligen Komponisten eingelassen: Etwa Bach (Französische Suite G-Dur), oder Händel (Suite d-Moll). Und Girolamo Frescobaldi, William Byrd, Thomas Tallis, John Bull, Antonio de Cabezón, Padre Antonio Soler. Es ist eine aufregende Spanne von 1520 bis 1770, die Pinnock abschreitet. Alles zwischen unterhaltsam federnden und beängstigend tiefgründigen Sätzen, Balletti und Tongemälden, zwischen experimenteller Kühnheit und formeller Strenge.

Von einer farblichen Reduktion, einem Problem des Cembalospiels, lässt Pinnock nichts spüren. Der Salzburger und Londoner Lehrmeister hat sein eigenes Instrument nach Oldenburg transportieren lassen. Es verbreitet zarte, warme Watteau-Atmosphäre, verwischt aber nichts. Es erlaubt in der klaren Ansprache auf seinen beiden Manualen atemberaubende Virtuosität.

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Pinnock setzt seine technischen Mittel wie selbstverständlich ein. Seine Artikulation verdeutlicht stets die thematische Entwicklung, feilt an jeder Verzierung, an jedem Affekt, ohne die Abläufe zu verkomplizieren. Vor allem: Er lässt immer ein Drängen in der Musik spüren. Sie fließt und schwingt. Manchmal lehnt er sich innerlich zurück, beobachtet das Werk aus der Distanz und stürzt sich plötzlich mitten hinein. So schafft er eine Hochspannung zwischen Staunen und Erkennen, Fremdartigkeit und Vertrautheit.

Was Scarlatti angeht: Vier späte der einsätzigen Sonaten fasst Pinnock wie vier Kurzgeschichten, voller Sturm, voller Poesie, voller Überraschungen, voller Vertracktheiten und Brüche. Scheinbar Banales entlarvt sich unvermittelt als Verrücktes, Naivität als Raffinesse. Wenn der Cembalist so wundervoll „hinkend” durch die inegalen Rhythmen des D-Dur-Dramas K 491 stakst, spürt man fast sein nach innen gewendetes Schmunzeln. Scarlatti könnte man ein ganzes Leben lang hören. Die meiste Zeit gern mit Trevor Pinnock.

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