Osternburg „Glücksgefühle in der Geborgenheit des Raumes“. Das klingt zwar reichlich pathetisch, trifft aber durchaus den Sinn dessen, was sich Helga Reinders und ihre Mitstreiterinnen vom Projekt „Malort/Malspiel“ versprechen. Hier, in der Oldenburger Kunstschule an der Alteneschstraße, sollen sich jüngste, aber auch erwachsene Flüchtlinge zurückziehen und gleichermaßen auslassen können. „Integrationsprojekt“ nennen sie das, was schon seit einigen Monaten – seit Ende September – weitestgehend unbemerkt läuft. Und das mit viel Erfolg: Denn die Teilnehmer, die alten wie die jungen, fühlen sich zwischen all den bunten Farben und Gedanken offenbar sehr wohl. Und frei.

Im geschützten Raum

Arno Stern hat es vorgegeben. Der Pädagoge und Forscher hatte vor vielen Jahrzehnten ein Kinderatelier in Paris gegründet. Mit Palettentisch und malerischer Spielfähigkeit. „So empfinden malspielende Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei ihren Äußerungen auf dem Papier den Moment des unbeschwerten Erlebens“, sagt Reinders, „sie sind ganz bei sich selbst“. Reinders hatte bei Stern gelernt, und das Ergebnis ihrer Erkenntnisse findet sich nun in der Kunstschule Oldenburg wieder.

Helga Reinders, die das Projekt leitet, ist angetan vom bisherigen „Probelauf“. An diesem Donnerstag, 4. Februar, wird der „Malort“ auf ein offizielles Tableau gehoben. Zweisprachige Hochglanz-Flyer (Deutsch und Englisch) weisen den Weg – die Einladung an bislang Unbedarfte ist damit ausgesprochen.

„Flüchtlinge sollen bei uns zusammen mit Nichtflüchtlingen im geschützten Raum ohne Bewertung und Belehrung die Fähigkeit zu spielen neu entdecken und die Möglichkeit der Äußerung aus der organischen Erinnerung erfahren“, so Reinders. Das Spiel mit Farben, Pinseln und weißen Tafeln ist aber nur die eine Seite der Medaille.

Dahinter verbirgt sich auch die Chance, „Verletzungen der Seele zu überwinden, Würde und Persönlichkeit der Menschen zu stärken“, wie sie sagt. Und: Sprachbarrieren zu überwinden. Die Kinder – vorwiegend aus Syrien – lernen schnell, obwohl bei den gemeinsamen Treffen nur deutsch gesprochen wird. Vielleicht aber ja auch gerade deswegen. Mehr noch: Bei den zweieinhalbstündigen Treffen, einmal pro Woche, wird nur etwa die Hälfte mit Malerei verbracht. In der anderen wird „begegnet“, zudem werden gemeinsam auf Wunsch die Hausaufgaben bewältigt. Kaum verwunderlich bei der Vielzahl an Lehrerinnen in dieser Projektgruppe, einige sind pensioniert, andere noch aktiv. So auch Kunsterzieherin Reinders – sie hatte das Gefühl, „mal etwas Anderes machen“ zu müssen.

Kinder schlafen durch

Zwei Dolmetscher sind donnerstags zwischen 15 und 17.30 Uhr dabei, falls mal Behördengänge und Schriftstücke erklärt werden müssen. Was es hier allerdings nicht gibt, sind therapeutische Gespräche oder gar erwachsene Deutungshoheiten der gemalten Bilder.

Das habe hier alles keinen Platz, sagt Reinders – ganz so, wie Arno Stern es wohl als sinnvoll erachtet. Denn durch das freie Malspiel würden Traumata und Ängste abgebaut, heißt es, das konstante Gruppengefüge biete zudem Orientierung und Sicherheit. Das Ergebnis: „Mütter erzählen uns, dass die Kinder nach einer gewissen Zeit seltener in der Nacht aufwachen oder kaum mehr tagsüber von Bomben oder dem Krieg erzählen“, so Reinders.

Allein geflohene Mütter und Kinder sind hier in der Hauptsache zu Gast. Kürzlich sei aber auch ein Vater mit dazugestoßen, der erst kurz zuvor übers weite Meer folgen konnte. „Als er die Ergebnisse seiner Familie sah“, sagt Reinders, „war das schon ein besonderer Moment“.

Die Finanzierung des Projekts ist auf Spenden angewiesen, für Flüchtlinge ist die Teilnahme kostenlos. Deutsche Teilnehmer – „auf die wir nun hoffen!“, so Reinders –  entrichten einen Obolus, und stehen so quasi als Paten für das Projekt ein. Auch das ist eine Form von Integration.

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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