Oldenburg 560 000 Euro hat einmal eine Musikanlage gekostet, die Live-Klang genau so wiedergeben soll wie Klang live klingt. Solch hoch schießende Absichten und so viel Geld hat das „Klangpol“, das Netzwerk Neue Musik im Nordwesten, nicht. Aber es hat ganz viele Lautsprecher. Installiert sind sie am Rande der Peterstraße und in angrenzenden Gebäuden. Die „Lange Nacht der Musik“ wird dort am Sonnabend als Event begangen, akribisch durchgeplant – aber erfrischend live.

Live mit Lautsprechern und gegen Lautsprecher: Einem Anton Bruckner, der in seinen Sinfonien so herrlich gigantische Tongipfel aufgebaut hat, würde beim Hören von „Lauter Blech und RoLo“ die Spucke wegbleiben. Hinter RoLo verbirgt sich das „Rotenburger Lautsprecher Orchester.“ Dirigent Christoph Ogiermann hat für wandelndes Blaszeug, Schlagzeug, Saxofonquartett, in Wasser getränkte Tücher und eben diese Elektronik eine manchmal dezente, meistens wuchtige und immer fulminante Musik geschrieben.

Deren Partitur verlangt nicht nur die Umsetzung der Noten. Die Spieler müssen auch eine merkwürdige „Angst beim Kampf der Heimat“ außer Kraft setzen. Das bringt die Musiker am Ende verbal in Aufruhr und die Hörer zwischen Wallschule und Haaren glatt ein bisschen in Verzückung. Wer würde so etwas schon bei zeitgenössischer Musik ahnen?

4000 Besucher verfolgten die 66 Einzelangebote zwischen Abend und Mitternacht (die NWZ  berichtete). Zwei Klaviere zu acht Händen zählen dazu, „Dissonanzen und Fugen“ erheischen Aufmerksamkeit, Soloinstrumente sehen sich in unkonventionellen Spielweisen traktiert, Ensembles ebenso. „Sichtbare Töne, fühlbare Klänge“ sind zu erleben.

Sicherlich erleichtert das Motto „Musik macht Bilder“ diesmal den Zugang. Ja, es verbannt sogar einen stressigen Zwang zu gesuchter Originalität aus dem Fest. Beim Stummfilmklassiker „Die Reise zum Mond“ von 1902 im voll besetzten Kulturzentrum PFL greifen Bilder und Musik direkt ineinander. Das Blue Screen Ensemble illustriert das Geschehen drastisch und augenzwinkernd mit Streichern, Bläsern, Schlagwerk und Zithern. Interaktiv ist eine Installation im Forum St. Peter zu nutzen. Zu Körperbewegungen wandelt sich Wasser auf einer Filmwand in Zustände zwischen hochschlagender Gischt und ruhiger Oberfläche.

Finn-Ole (8) hat es der Regen angetan: „Du streckst die Arme nach vorn, und dicke Tropfen platschen herunter, klasse!“ Fagottist Jens Pfaff vom Staatsorchester umrankt die Bewegungen des Wassers.

Aber die meisten Bilder muss der Hörer selbst auf seine Leinwand im Kopf denken. Wer sich auf dem kunterbunt gewebten Flickenteppich der Musik niederlässt, vergisst das Schubladendenken: Wo soll ich das jetzt wohl einordnen?

Übrigens: Der Versuch mit der 560 000-Euro-Anlage endete damals ernüchternd. Fast alle Hörer erkannten im Blindtest die live gespielte sinfonische und instrumentale Musik gegenüber der produzierten als die authentische.

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