Oldenburg Wenn heutzutage der Oldenburger Oldtimer-Spezialist Oliver Herbolzheimer wieder einmal einen Kabinenroller restauriert hat, ist die Aufregung stets aufs Neue groß. Es gab aber eine Zeit, da gehörten diese dreirädrigen Fahrzeuge der Firma Messerschmitt zum Stadtbild. Für viele damals jungen Leute stellten sie den Einstieg ins automobile Leben dar.

Klaus-Peter Wanschura kann davon ein Lied singen. Er wohnte 1963 in Ankum bei Osnabrück, einem Ort ohne Polizeiwache oder gar Polizisten. Das machte es für Wanschura einfacher, zur Fahrschule zu kommen: Er benutzte einfach (und natürlich verbotenerweise) seinen günstig gekauften Messerschmitt-Kabinenroller KR 200 (Baujahr 1959).

Offensichtlich war der junge Mann aber talentiert genug: „Mit nur drei Fahrstunden, einschließlich Nachtfahrt, erwarb ich am 9. August 1963 meinen Führerschein Klasse 3.“ Fortan fuhr er jeden Tag im roten Kabinenroller zur Arbeitsstelle nach Osnabrück – zunächst solo, dann mit seiner Schwester als Co-Pilotin (im Kabinenroller saß man hintereinander). „Ich fühlte mich tatsächlich wie ein Pilot“, erzählt Wanschura, „denn der Wagen hatte kein Lenkrad, sondern eine Art Motorradlenker, der direkt auf die Achsschenkel wirkte.“

Kleine Autos hatten es dem stolzen „Grauer-Lappen“–Besitzer Klaus-Peter Wanschura fortan offenbar angetan. Fünf Jahre lang blieb er dem Kabinenroller (Spitzentempo ca. 90 km/h) treu, dann verkaufte er ihn für 250 D-Mark und leistete sich stattdessen einen Lloyd-Alexander 600 TS, liebevoll auch „Plastikbomber“ genannt. Der allerdings hielt nicht lange, er wurde gegen einen VW Käfer getauscht, „der viele Jahre noch gute Dienste leistete“.

Fehlerhafte Spritztour

Ähnlich gute Erfahrungen als junge Führerschein-Inhaberin machte mit einem VW Käfer auch Birgit Tepelmann. Kein Wunder, schließlich ist sie in Wolfsburg geboren worden und absolvierte dort auch ihren Fahrunterricht. Zwölf Fahrstunden benötigte Birgit Tepelmann (damals Gelies), ehe sie am 12. Juni 1973 den Führerschein überreicht bekam. „Ich war erst 17 Jahre alt, somit blieb der graue Lappen der Freiheit noch im Amt“, erinnert sie sich.

Am 18. Geburtstag war es dann soweit: Birgit Tepelmann lud ihre Freundinnen in Papas schönen VW Variant 1600 zur Spritztour ein. Hinaus in die Ferne ging’s, aber irgendwie sehr langsam. „Ich wunderte mich, warum das Auto einfach nicht auf Touren kam; bei 80 km/h war Schluss. Und es fing auch komisch zu riechen an.“ Sie hatte vergessen, die Handbremse zu lösen! Ein Anfängerfehler, über den Birgit Tepelmann, die nach ihrer Heirat nach Oldenburg zog, ebenso lachen konnte wie ihr Vater. Der hatte nämlich nicht geschimpft.

Durch die Innenstadt

In einer Nummer kleiner als die ehemalige Wolfsburgerin setzte sich der Oldenburger Manfred Murdfield erstmals hinters Steuer. Es war im Jahr 1966, und Murdfield befand sich mitten in der Maurerlehre, als er von seinem Nachbarn günstig eine BMW Isetta erwerben konnte. „Wir wurden damals in der Lehre gut bezahlt, da war der Kaufpreis von 200 D-Mark kein Problem.“ Dafür drückte es anderswo: Murdfield besaß noch keinen Führerschein. Acht Fahrstunden bei der Fahrschule Fielmann später war die Prüfung im August 1966 aber bestanden, und er konnte in der Führerscheinstelle des Ordnungsamtes (damals am Stau) seinen grauen Lappen abholen.

Damit begann für Murdfield eine bewegte Zeit in der Isetta, die früher in Diensten der Polizei gestanden hatte. „Die Isetta war für mich ein optimales Auto“, meint er. „An dem Ein-Kolben-Motor mit Kettenantrieb zur Hinterachse war einfach zu schrauben.“ Der erste Motor des gebrauchten Gefährts sei zwar schnell defekt gewesen, doch das stellte kein größeres Problem dar: „Karre hinten hochheben, Bock drunter stellen, einige Schrauben lösen, neuen Motor einsetzen, und weiter ging es.“

So praktisch die Technik der „Knutschkugel“ war, so ideal war sein Gebrauchswert. „Um den Pudding gehen“, so wurde früher das Dreieck „Markt-Achternstraße-Lange Straße“ genannt. „Besser als zu Fuß war das natürlich in der Isetta“, schmunzelt Murdfield heute. „Das aber führte zu einer polizeilichen Ermahnung, da sinnloses Umherfahren nicht erlaubt war – wie auch heute noch.“ Und mit der Einrichtung der Fußgängerzone sei ohnehin Schluss gewesen für die Isetta in der Innenstadt. Wahrscheinlich, so mutmaßt Murdfield, seien er und sein Schulfreund Hans-Joachim Luckau „die letzten gewesen, die vom Markt in die Achternstraße fahren durften“.

Gekonntes Schalten

Am Steuerrad eines VW hat auch Christel Bethke erste automobile Erfahrungen gemacht. Sie war bereits 31 Jahre alt, als die Familie vor einem Urlaub beschloss: „Motorkraft geht über Muskelkraft“. Christel Bethke (geb. Wulff) meldete sich in der Fahrschule Müller an der Cloppenburger Straße an – und war leicht verunsichert, als der Fahrlehrer zur ersten Stunde am Stock erschien: Er hatte kurz zuvor einen Unfall gehabt. Mutig stellte sie sich dennoch den Aufgaben in theoretischem und praktischem Unterricht. „Ich schwitzte Blut und Wasser, was ich sonst eigentlich nie wirklich tat“, gesteht sie heute.

Die Fahrprüfung im VW im Juni 1961 war zusätzlich hart. Da wurde eine Mitschülerin am Steuer vom Fahrprüfer in der Nähe des Bahnhofs angeraunzt: „Nun schalten Sie doch, mein Gott noch mal! Schalten!“ Nicht gerade günstige Stimmung herrschte also im Wagen, als Christel Bethke nach vorn wechselte. Doch dann kam alles anders: „Ich schaltete wie eine Irre und hören den Prüfer zur Mitschülerin sagen: Sehen Sie, schalten muss man können! Der Prüfer war so zufrieden mit der „Schalterei“, dass ich den Führerschein bekam, ohne rückwärts fahren zu müssen.“

Das rückwärts Einparken, sagt Christel Bethke heute, lernte sie übrigens nie mehr.

Klaus Fricke
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