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Oldenburg Werden psychische Probleme gesellschaftsfähiger, wächst der Leidensdruck einfach immer mehr an – oder verhilft das Internet schlichtweg zu mehr konstruierten Selbstdiagnosen, die Menschen vorsorglich in Selbsthilfegruppen geleiten? Möglicherweise trifft ja von allem ein bisschen zu. Zumindest bei der Bekos, der Beratungs- und Koordinationsstelle für Selbsthilfegruppen, hat man im vergangenen Beratungsjahr immer mehr Anfragen aus dem psychosozialen Bereich registriert. Waren es im Vergleichszeitraum 2014 noch 28 Prozent, suchten diesmal immerhin schon 33 Prozent (793) aller Interessenten Rat. Doch auch aus besagten Selbsthilfegruppen kommt häufiger die Bitte um etwaige Unterstützung.

Rund 230 werden insgesamt und über alle Hilfsbereiche hinweg betreut. Und obwohl sich die Gruppe für Menschen mit Epilepsie aufgelöst hat, zudem die beiden jüngst gegründeten Angstgruppen für Menschen ab 50 Jahren und für Unter-35-Jährige nicht lange Bestand hatten, steigt die Zahl der so unterstützten Gemeinschaften weiter. Stück für Stück, Problem für Problem.

Keine Heilung erwartbar!

5080 neue Kontakte zählten Monika Klumpe, Monika Faber und Meike Dittmar im vergangenen Jahr – darunter Anfragen von mehr als 3000 Frauen. Ein konstanter Wert. Fast könnte man meinen, jeder einzelne Oldenburger hätte sich in den zurückliegenden 30 Jahren der Bekos somit einmal beraten lassen. Ganz so ist es dann aber nicht: „Auch aus dem Umland melden sich viele Betroffene“, so Diplom-Pädagogin Klumpe.

Was sie hier an der Lindenstraße erwarten dürfen, ist eine weniger therapeutische als vielmehr grundsätzliche Klärung ihrer Problemlage und der daraus resultierenden Vermittlung in die passende Gruppe – wenn dann überhaupt noch gewünscht. Denn: „Viele Anrufer wissen offenbar nicht, dass in den Selbsthilfegruppen mehr als zwei Personen sitzen“, so Meike Dittmar.

Auch andere Punkte überraschen die Hilfesuchenden anscheinend: Dass Teilnehmer in den Gruppen keine Heilung erfahren, beispielsweise. Oder dass hier auch über die Krankheit und ihre Auswirkungen intensiv gesprochen wird. Andere Anrufer glaubten, sie hätten vielleicht eine Depression – merkten dann aber auch schnell, dass die vermeintliche innere Schwere vielleicht doch sehr viel leichter wiegt.

Zum größten Teil konnten Anrufer aber in bestehende Selbsthilfegruppen vermittelt werden, „rund 70 Prozent“, wie Klumpe sagt. Nach den Gruppenhilfen im Segment „Psychische Störungen“ sind vor allem die Bereiche „Chronische Störungen“ und „Eltern/Kinder/Familie/Partnerschaft/Senioren“ stark nachgefragt. Und obwohl mehr Frauen Interesse an der Selbsthilfe zeigen, „gibt es deutlich mehr reine Männergruppen“, sagt Klumpe. Drei wurden allein im vergangenen Jahr neu gegründet.

Breites Spektrum

Die meisten Selbsthilfegruppen indes bearbeiten chronische Problemfelder. Gleich 229 Gespräche registrierte Bekos mit Personen, „die eine Selbsthilfegruppe gründen wollten oder Unterstützung dafür benötigten“, so Dittmar. Das allerdings braucht Zeit und Muße, nicht immer werden Pläne in die Tat umgesetzt, auch weil es an den Mitstreitern mangelt.

16 Initiativen bemühten sich im vergangenen Jahr um neue Gemeinschaften, darunter „Männer mit Depressionen“, „Kinder mit Glasaugen“, „Alleingeborene Zwillinge“ oder auch „Umgangsrecht bei Kindesentzug“ und „Schilddrüsenkrebs“. Das Spektrum ist breit gefächert, die Nachfrage aber bestimmt letztlich die Halbwertszeit der Angebote.

Auch das Thema Migration ist eines, das in den Gruppen diskutiert wird. Denn bis auf einige reine muttersprachliche Gruppen für russische Landsleute sind Menschen fremder Kulturen in der deutlichen Minderheit. An der Bereitschaft der Gruppen mangele es nicht, vielmehr scheint die Eintritts-Hemmschwelle nach wie vor hoch, so Klumpe. „Es strengt enorm an, in einer fremden Sprache über das Innerste zu reden“, sagt sie, „vielfach ist es ja auch eine kulturelle Frage.“ Ein solches System der Selbsthilfe ist in manch anderen Kulturen gänzlich unbekannt. Auch das erschwere die Annäherung.

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Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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