Oldenburg Montagnachmittag, 16.59 Uhr. An der Westfalen-Tankstelle an der Alexanderstraße in Oldenburg steht gerade ein Kunde an der Kasse und zahlt. In einer Stunde wird der Raum verlassen sein, denn dann muss die Tankstelle geschlossen werden. Der Grund: Auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorsts im Stadtnorden haben Arbeiter am Montagvormittag einen Blindgänger entdeckt. Schnell stand fest, dass ein Gebiet im Umkreis von 1000 Metern um den Fundort evakuiert werden muss.

„Wir haben nachmittags vom Servicecenter der Stadt davon erfahren“, sagt Inhaber Jens Wandscher. „Ab 18 Uhr ist hier Vollsperrung – und auch wir schließen.“ Einige Kunden hätten sich bereits nach der Evakuierung der Gegend erkundigt. Dennoch: „Gemeinsam mit meiner Frau Nicole werde ich die Stellung halten. Einer muss vor Ort sein für den Fall einer Störung, damit die Handgriffe stimmen“, erklärt der 56-Jährige. Bereits vor zwei Jahren habe er eine Bombenentschärfung miterlebt. „Ich blicke den Ereignissen ganz entspannt entgegen. Das sind Vorsichtsmaßnahmen, die getroffen werden müssen. Da ist nichts dran zu rütteln, das ist Standard.“ Sein eigenes Haus sei nicht betroffen, sagt er noch, dann kommt der nächste Kunde ins Geschäft.

Supermarkt schließt früher

Ein paar hundert Meter weiter sind die Schiebetüren zum Supermarkt bereits geschlossen. Vom Parkplatz aus sind grelle Scheinwerfer zu sehen, die auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorsts positioniert sind. Dort befindet sich also der Blindgänger. Auf einem roten Zettel am Eingang zum Supermarkt steht in großen Buchstaben: „Diese Filiale schließt heute um 17.15 Uhr wegen einer Bombenentschärfung.“ Der Bäcker nebenbei fegt gerade seine Regale sauber, auch er möchte schnellstmöglich weg. Einige Kunden stehen vor der bereits verschlossenen Tür. Es ist gerade Viertel nach, sie sind zu spät. Drinnen haben sich an zwei Kassen kleine Schlangen mit den letzten Kunden gebildet. „Das Ordnungsamt hat unsere Verkaufsleiterin informiert“, sagt eine Mitarbeiterin. Es liegt eine gewisse Anspannung in der Luft.

Draußen ist davon wenig zu spüren. In der Alexanderstraße stauen sich die Autos wie üblich zur Feierabendstunde. Und auch im Brookweg herrscht reger Verkehr. Auch im Kiosk an der Ecke Mittelweg sind noch Kunden, die ein paar Kleinigkeiten kaufen. „Ich habe vor einer Stunde von einer Arbeitskollegin von der Bombenentschärfung erfahren“, sagt Mitarbeiterin Ziynet Kircali. „Alle haben einen Schock bekommen.“ Sobald der Chef eintreffe, schließe sie den Laden. „Wenn nichts los ist, muss man auch nicht offen haben“, sagt sie mit einem Lächeln und fügt hinzu: „Ich gehe zum Gymnasium an der Alexanderstraße.“

André Walter läuft am Kiosk vorbei. „Eine Freundin hat mir eine SMS mit der Nachricht geschickt“, erzählt er, und er hat auch einen Plan für die nächste Zeit: „Ich fahre gleich zum Sport.“

Mittlerweile ist es 17.47 Uhr. An der Ecke Alexanderstraße und Am Alexanderhaus stehen mehrere Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr Eversten. 18 Einsatzkräfte sind mit angerückt. Um kurz vor 18 Uhr kommen zwei Polizeiwagen dazu. Am Straßenrand stellen sich die Einsatzleiter für den „Bereich 3“ zusammen und studieren eine Karte. Eine Taschenlampe spendet Licht. Es ist dunkel, und die Temperaturen sind spürbar gefallen. „Wir müssen alle Straßen dicht machen“, lautet die Ansage. Feuerwehrautos werden an allen Ausgangsstraßen der jeweiligen Bereiche positioniert.

Während weitere Feuerwehrleute an den Haustüren klingeln, fahren die Polizisten durch die Straßen und weisen mit Lautsprecheransagen auf die Evakuierung hin. Immer wieder kommen voll besetzte Autos an der kleinen Gruppe vorbei.

Um 18.08 Uhr geht es los. Als erstes ist die Hofstraße an der Reihe. In vielen Häusern brennt bereits kein Licht mehr. Trotzdem klingeln die Feuerwehrmänner an allen Türen, um sich zu vergewissern. „Wir können niemanden zwingen, sein Haus zu verlassen, sprechen aber Empfehlungen aus und nennen das Neue Gymnasium als möglichen Unterschlupf“, sagt Fred Ramke, Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Eversten.

Unterschlupf bei Verwandten

Auf einmal entdeckt er ein beleuchtetes Haus. Die Tür wird geöffnet und Ramke informiert die Bewohner. „Ich ruf schnell meinen Schwager an, der wohnt am Ostring – dann fahren wir zu ihm“, sagt Bernd Otte und fügt hinzu: „Ich wusste das noch nicht, aber das ist ja nicht weiter schlimm.“ Ein paar Minuten später sind Motorengeräusche zu hören – die nächsten Bewohner haben die Zone verlassen.

Die Straßen sind mittlerweile verlassen, bis auf die Feuerwehrleute scheint die Gegend menschenleer. Die Anwohner scheinen vorbereitet zu sein. In der Ferne erklingt die Lautsprecherdurchsage der Polizei: „Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei.“ Eine Straße weiter springt eine Katze aus der Katzenklappe, nachdem die Feuerwehr am Haus geklingelt hat.

In einer Wohnsiedlung treffen die Freiwilligen Feuerwehrleute auf Uwe Wlost. „Ich wusste nichts von der Bombe und der Evakuierung“, sagt er, bleibt aber gelassen. „Ich werde mich in mein Auto setzen und in die Stadt fahren.“ Auch trockener Humor ist zu hören: „Dann brauchen wir ja keine Zahnbürste“, sagt eine Anwohnerin, nachdem ihr erklärt wurde, das sie höchstwahrscheinlich gegen 22 Uhr wieder in ihr Haus könne.

Einige Querstraßen weiter sorgt die Straßensperrung an der Ecke Am Alexanderhaus und Fahrenkamp für ein erhöhtes Verkehrsaufkommen. Immer wieder halten Autos und Menschen fragen nach Umleitungen. „Viele wollen wieder rein“, sagt Feuerwehrmann Frank Weerwagen. Dennoch: „Insgesamt läuft das.“

Anlaufstelle am Neuen Gymnasium

Ortswechsel. Das Neue Gymnasium Oldenburg an der Alexanderstraße. Vor der Eingangstür steht eine Feldküche. „Das ist für die Einsatzkräfte – es sind rund 200 Portionen“, sagt Rolf Exner, Gruppenführer des Deutschen Roten Kreuzes, Kreisverband Oldenburg Stadt. „Es gibt Erbsensuppe mit Bockwurst und auch Tomatensuppe. Drinnen stehen Kaffee, Tee und Kaltgetränke bereit.“ Seit 17 Uhr sei die Verpflegungsgruppe mit acht Helfern vor Ort, allein das Aufwärmen der Suppe dauere circa eine bis eineinhalb Stunden, sagt Exner.

An zwei Eingängen können die betroffenen Menschen in die Mensa. Zuvor werden sie kurz nach ihren Personalien gefragt. „So weiß die Polizei, wer hier ist, und wir haben nachher für die Statistik einen Nachweis, wie viele hier waren“, sagt ein DRK-Helfer. „Wir sind mit 35 Helfern vor Ort“, sagt Sascha Liedhegener, der als DRK-Abschnittsleiter für die Organisation der Betreuung der Menschen zuständig ist – den Gesamteinsatz leitet die Feuerwehr. Es ist 19.38 Uhr. Rund 120 Menschen sind bereits beim NGO eingetroffen. „Geplant haben wir mit 150, aber wir können auch erweitern.“ Sogar Feldbetten sind vorhanden. „Die Menschen sind froh, ein Dach über dem Kopf zu haben“, sagt Liedhegener. Am Ende sind rund 170 Menschen vor Ort.

Zu ihnen zählt auch Astrid Schausten. „Ich habe im Laufe des Nachmittags auf Facebook und von der Freiwilligen Feuerwehr von dem Bombenfund und der Evakuierung erfahren“, sagt die 60-Jährige. „Ich wusste, wenn, dann komme ich hierher – hier kann ich vielleicht noch helfen“, sagt Schausten. Außerdem habe sie ihr Strickzeug eingepackt: „So habe ich etwas zu tun.“ Erschreckend sei nur, dass die Bombe erst jetzt entdeckt worden sei. „Ich bin am Alexanderhaus groß geworden.“ Aber: „Ansonsten bin ich entspannt – die Stimmung ist gut.“

Auch Janek Abels zählt zu den „Gestrandeten“. „Ich komme gerade von der Uni und habe das mit der Evakuierung dort mitbekommen – ich bin mit dem Fahrrad nicht bis nach Hause gekommen und habe gehört, hier gebe es Unterschlupf“, erzählt der 26-jährige Student. „Ich entspanne jetzt hier. Gleich ist Handball – vielleicht reicht die Internetverbindung ja.“

Nur knapp zwei Stunden später gab es Entwarnung: Gegen 21.15 Uhr sei die Bombe erfolgreich entschärft, teilte die Stadt mit. Tausende Oldenburger konnten wieder in ihre Häuser und Wohnungen zurückkehren.

Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
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