Forscher Helmut Hillebrand Im Porträt
Der Vielfalt des Meeres auf der Spur

Der Oldenburger Wissenschaftler Helmut Hillebrand erforscht seit vielen Jahren die biologische Vielfalt der Meere – in seinem Fachgebiet gehört er zu den weltweit meistzitierten Experten. Wir stellen den ungewöhnlichen Wissenschaftler und seine Arbeit vor.

Bild: Anna Lorenzen
Helmut Hillebrand am Deich des Wilhelmshavener SüdstrandsBild: Anna Lorenzen
Bild: Fahrbach (dpa)/ Imke Zwoch
Mit dem Forschungsschiff Polarstern war der Professor Helmut Hillebrand (kleines Bild) unterwegs, um die Veränderung der Algenvielfalt zu erforschen.Bild: Fahrbach (dpa)/ Imke Zwoch
Bild: Anna Lorenzen
Helmut Hillebrand in seinem Büro in Wilhelmshaven. Vor ihm steht das Modell einer der künstlichen Inseln im Wattenmeer, auf denen er Biodiversität erforscht.Bild: Anna Lorenzen
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Oldenburg /Wilhelmshaven Er ist in seinem Fachgebiet einer der meistzitierten Wissenschaftler der Welt. Anfang dieses Jahres ehrte ihn die Uni Oldenburg für sein herausragendes Engagement in der Forschung. So wurde 2017 auf seine Initiative hin das Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität (HIFMB) auf dem Oldenburger Campus eröffnet. Doch dies ist nur eines seiner vielen Verdienste für die Erforschung der biologischen Vielfalt (Biodiversität) und deren Bedeutung für das Funktionieren von Ökosystemen.

Es ist noch etwas anderes, was Professor Dr. Helmut Hillebrand zu einer so spannenden Persönlichkeit macht. Es ist das Überraschungsmoment, wenn man ihm begegnet: die Nahbarkeit und vollkommene Abwesenheit akademisch-hierarchischer Attitude.

Besuch in Wilhelmshaven

Wer Helmut Hillebrand bei seiner Arbeit treffen möchte, kann dies an zwei Orten tun. Als Leiter der Arbeitsgruppe Planktologie des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) forscht er sowohl in Oldenburg als auch in Wilhelmshaven. Hier, am schönen Südstrand, befindet sich das Forschungszentrum ICBM-Terramare.

Das Gespräch mit Hillebrand findet in seinem Büro statt. Einem Büro mit Meeresblick. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Jazz-Musikern an der Wand bilden keinen Kontrast zu den Fachbüchern und der Seekarte. Sie ergänzen sich vielmehr zu dem Eindruck, dass dies das Büro eines vielseitig Interessierten ist. „Die Fotografien stammen von meiner Frau“, sagt er mit Anerkennung.

Helmut Hillebrand in seinem Büro in Wilhelmshaven. Vor ihm steht das Modell einer der künstlichen Inseln im Wattenmeer, auf denen er Biodiversität erforscht. Bild: Anna Lorenzen
Helmut Hillebrand in seinem Büro in Wilhelmshaven. Vor ihm steht das Modell einer der künstlichen Inseln im Wattenmeer, auf denen er Biodiversität erforscht. Bild: Anna Lorenzen

Alles an Hillebrand wirkt natürlich und vital. Seine Lockenpracht, der Vollbart und die sonnengebräunte Haut. Hier sitzt jemand, der eigentlich nach draußen gehört.

Ausgedehnte Reisen

So gilt Helmut Hillebrands Forschungsinteresse vor allem dem Meer und den hier lebenden mikroskopischen Algen (Phytoplankton), produzieren diese doch den Großteil des atmosphärischen Sauerstoffs. Expeditionen mit modernen Forschungsschiffen wie der Sonne oder der Polarstern liefern dem Meeresbiologen Hinweise auf weltweite Veränderungen der Algenvielfalt durch beispielsweise den Klimawandel. Diese Zusammenhänge werden zusätzlich in den institutseigenen 600-Liter-Tanks, den Planktotronen, simuliert.

Trotz globaler Perspektive konzentriert sich Hillebrand auf das Wattenmeer und die Küstenregionen der Nordsee. Gerade wurde sein neues Kooperationsprojekt „DynaCom“ mit Millionen gefördert. Hierbei nutzt er die bereits 2014 erbauten künstlichen Inseln im Wattenmeer vor Spiekeroog um herauszufinden, wie genau Insellebensräume in einer sich ständig ändernden Umwelt von Pflanzen und Tieren besiedelt werden. Hiermit sollen grundsätzliche Vorhersagen über die Biodiversität in inselartigen Ökosystemen getroffen werden, was in Anbetracht der zunehmenden Zersiedelung von Landschaften durch den Menschen auch eine umweltpolitische Relevanz hat.

Lesen Sie dazu: Folgen des Klimawandels auf Ökosysteme abschätzen

Das Ganze im Blick

Wenn man Helmut Hillebrand nach seiner Arbeit fragt, bemerkt man schnell: Es geht ihm immer um die großen Zusammenhänge. So hat er im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere maßgeblich zu einer mehr konzeptionellen Denkweise in der Ökologie beigetragen, weg von der Betrachtung einzelner, isolierter Phänomene.

In dieser Denkweise geprägt habe ihn vor allem sein Doktorvater, Professor Ulrich Sommer vom Kieler GEOMAR-Institut. „Ich habe hier gelernt, die Dinge systemübergreifend zu hinterfragen“, erinnert sich Hillebrand und fügt hinzu: „Dies ist ja eines der großen Probleme der Ökologie. Anders als in der theoretischen Physik ist es hier schwierig, allgemein gültige Gesetzte zu formulieren. Die Beobachtung eines Ökosystems ist immer kontextabhängig und begrenzt auf einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit.“

Um diese Einschränkung zu überwinden, setzt Hillebrand auf weltweite Kooperationen und die Untersuchung von hauptsächlich marinen aber auch landgestützten Ökosystemen. So sollen allgemeine Gesetze der Dynamik und der Funktion von Artenvielfalt gefunden werden.

Der Begriff der „Funktion“ ist hierbei das Kernstück von Hillebrands wissenschaftlichem Streben. „Erst in den 1990er Jahren reifte die Einsicht heran, dass Biodiversität mehr ist als die ästhetische Beschreibung von Lebensgemeinschaften“, so der Meereswissenschaftler. Vielmehr erfülle sie eine wichtige Rolle für das Funktionieren von Ökosystemen wie Stabilität gegenüber Umweltveränderungen.

In einem Zeitalter des menschengemachten Klimawandels und eines dramatischen Rückgangs der Artenvielfalt ist dies eine wichtige Erkenntnis. Und diese Erkenntnis ist es, die Hillebrands Arbeiten bestimmen.

Doch die naturwissenschaftliche Laufbahn war alles andere als vorprogrammiert. Hillebrand, der in Papenburg aufwuchs, hatte erst einmal andere Pläne: „Meine Eltern sind keine Akademiker, aber sie haben meine Schulbildung und mein Studium immer sehr unterstützt. Während der Schulzeit habe ich mit einem Geschichtsstudium und den Politikwissenschaften geliebäugelt.“ Der Meeresbiologe entschied sich dann erst während des Zivildienstes für die Biologie, er wollte zunächst Genetiker werden. Doch es kam anders. Während des Vordiploms begann ihn die biologische Vielfalt in ihrer Komplexität und Unerforschtheit zu faszinieren.

Fast anders orientiert

Noch nach Abschluss der Diplomarbeit kamen ihm Zweifel am eingeschlagenen Weg. „Ich hätte mir zu dem Zeitpunkt auch gut eine Karriere im Bereich Umweltbildung vorstellen können“, so Hillebrand. Systemkritisch fügt er hinzu: „Außerdem hat mich die Unsicherheit der akademischen Laufbahn zweifeln lassen. Die kurzen Befristungen und die wenigen festen Stellen im Mittelbau sind doch abschreckend für einen jungen Menschen.“

Am Ende habe sein Drang nach wissenschaftlicher Erkenntnis gesiegt. Nach der Postdoktorandenzeit in Uppsala folgten die Assistenzprofessuren in Kiel und Köln und schließlich der Ruf nach Oldenburg. „Ich habe auch viel Glück gehabt, nicht nur Brillanz mitgebracht“, erklärt der Meeresforscher.

Antiautoritär und nahbar

Dieses Understatement wird von seinen Kollegen geschätzt. Ehemalige Mitarbeiter seiner Arbeitsgruppe beschreiben ihn als „antiautoritären und nahbaren Chef“, der auch mit Studenten und Doktoranden auf Augenhöhe kommuniziert.

Helmut Hillebrand ist auch ein politischer Mensch. Zwar nicht politisch aktiv, doch zumindest mit einem starken Bewusstsein für die gesellschaftspolitischen Themen unserer Zeit: „Ich sehe mit Entsetzen, wie die faktenbasierte Diskussionskultur immer mehr zu einer absurden Behauptungskultur verkommt. Da wird, um mal klar das Beispiel Trump oder die AfD zu nennen, mit einem Tweet jahrzehntelange Forschung zum Klimawandel ad absurdum geführt“, stellt er ärgerlich fest und fügt hinzu: „Ich würde mir auch von den Zeitungen wünschen, dass das Thema Umweltschutz mehr Raum bekäme und nicht nur Scheinprobleme gewälzt würden.“

Hier zeigt sich eben auch die Bürde, die der Beruf eines Grundlagenforschers mit sich bringt: das Wissen um die Fragilität der Natur, gepaart mit der Einsicht, umweltpolitische Entscheidungen nur indirekt beeinflussen zu können.

Doch Helmut Hillebrand erkennt seine Verantwortung als Wissenschaftler: „Der Klimawandel wird stattfinden. Wir müssen daher Konzepte entwickeln, wie die Meere als blaue Lunge unseres Planeten wirksam geschützt werden können, obwohl die darin lebenden Arten mobil sind und die Gebiete meist keiner Nation angehören.“

Diese Vision will Hillebrand nun als einer der Direktoren des neuen HIFMB in die Tat umsetzen. Im Verbund mit dem Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven sollen die Fragen geklärt werden, wie sich marine Biodiversität im globalen Wandel verändert und wie sich diese Veränderungen auf die Ökosysteme der Meere auswirken.

Lese Sie auch: Schutz des Meeres im Blick

Auf Basis dieser Erkenntnisse erarbeiten die Wissenschaftler dann Konzepte zum Schutz der marinen Umwelt. Das Besondere: Es werden dabei auch soziologische und politische Prozesse analysiert und mit einbezogen. Die neu ausgeschriebenen Lehrstühle „Marine Conservation“ sowie „Marine Governance“ sind Ausdruck dieser einzigartigen Verbindung.

Direktion des HIFMB, Leitung der Planktologie am ICBM, internationale Kooperationen und Kongresse, Lehrender und Betreuer von Bachelor-, Master,- und Doktorarbeiten. Man könnte die Liste noch deutlich erweitern. Auf die Frage hin, wie dies alles zu organisieren sei, antwortet Hillebrand erwartungsgemäß bescheiden: „Man sagt, ich hätte eine gute Auffassungsgabe, könne schnell fokussieren. Das ist sicher hilfreich.“

Ein weiterer wichtiger Aspekt sei Teamwork: „In so einem Porträt wird man ja herausgehoben, weil man Leiter einer Arbeitsgruppe ist. In Wirklichkeit ist es ein Verdienst von vielen. Ohne die großartigen Leistungen meiner Mitarbeiterinnen, die beide mit mir die Arbeitsgruppe betreuen, und die besondere Kollegialität am ICBM wäre das nicht zu schaffen.“

Der perfekte Beruf

Wissenschaft ist halt kein klassischer Nine-to-Five Job. Um das durchzuhalten braucht es sehr viel Leidenschaft: „Ich liebe das, was ich tue. Die Entschlüsselung biologischer Rätsel, das Arbeiten mit tollen Kollegen auf der ganzen Welt. Das ist quasi Belohnung in der Dauerschleife. Für mich der perfekte Beruf“.

Aber selbst Helmut Hillebrand ist nur ein Mensch mit endlichen Ressourcen. Auch er braucht bewusste Ruhemomente. „Natürlich ist Zeit mit meiner Familie ein guter Ausgleich, außerdem verstehe ich unter Urlaub wirklich Urlaub. Dann bin ich offline.“ Den Urlaub verbringt er am liebsten zeltend in der Natur, besonders gern in Schweden. Rückzugsmomente fände er außerdem in der Musik. Der Meeresbiologe hört begeistert Free Jazz. Ein Freigeist eben.

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