Oldenburg Von einem Generationswechsel lässt sich da bei der Bekos – mit Verlaub – nun nicht unbedingt sprechen: Wenn Monika Klumpe (64) spätestens am Monatsende ihren Schlüssel zum Selbsthilfezentrum an Ele Herschelmann (54) übergibt, endet damit dennoch eine Epoche. 31 Jahre lang hat Klumpe mit ihrem Team für vor allem seelische Gesundheit in der Stadt gesorgt, hat vermittelt und ermutigt, aufgebaut und gestärkt. Das alles mit einem vermeintlich simplen Konzept: „Ich muss ja nicht superschlau in Sachen Schlaganfall sein“, sagt Klumpe, „die Betroffenen sind Experten in eigener Sache.“

„War sehr idealistisch“

1985 war’s, als Klumpe selbst Teil einer Selbsthilfegruppe für rheumatische Erkrankungen war. Im gleichen Jahr hatte die gelernte Krankenschwester für ein Uni-Projekt bei der Bekos reingeschnuppert – um sich dann drei Jahre später in Gänze der Selbsthilfe anderer zu verschreiben. Aber selbstlos? Na, von wegen! „Arbeit war für mich immer Lebenszeit“, sagt sie da. Und eben die hat sie in den zurückliegenden drei Jahrzehnten prächtigst gefüllt. Als Klumpe startete, trafen sich noch rund 40 Gruppen im Hause; heute gibt’s unter Bekos-Federführung mehr als fünf Mal so viele – immerhin 111 davon treffen sich mehr oder minder regelmäßig im 1991 so bezogenen Haus an der Lindenstraße.

Das ist die Bekos

Rund 220 unterschiedliche Selbsthilfegruppen gibt es in Oldenburg und der näheren Umgebung. Darin finden mehr als 10 000 Menschen regelmäßig zusammen – zur gegenseitigen Unterstützung bei der Bewältigung von Krankheiten, Behinderungen, psychosozialen Problemen und schwierigen Lebenssituationen.

Schon seit 1984 gibt es die Beratungs- und Koordinationsstelle für Selbsthilfegruppen – sie ist die Fachstelle für den gesundheitlichen und psychosozialen Selbsthilfebereich.

Kontakt zur Bekos: Lindenstraße 12a, Telefon  88 48 48, info@bekos-oldenburg.de

www.bekos-oldenburg.de

„Ich war damals doch sehr idealistisch und wollte etwas bewegen“, sagt sie heuer fast entschuldigend. Dabei tut das gar nicht Not. Gut zwei Jahrzehnte war sie Teil des Oldenburger Sozialausschusses, hatte auch die Landesbüro-Kontaktstelle in Hannover mit aufgebaut – „und dafür gesorgt, dass es diese überhaupt gibt“, wirft da Ele Herschelmann ein. „Ich wollte strukturell arbeiten und etwas in Niedersachsen verändern“, so Klumpe. Und weil das geschehen sei, könne sie nun auch „mit gutem Gewissen gehen“.

Ob sie aber tatsächlich loslassen könne? Das wisse sie noch nicht. „So etwas muss man aushalten“, sagt sie, „ich habe es aber auch noch nie zuvor ausprobiert.“ Vielleicht gibt’s da ja also bald eine Selbsthilfegruppe für unterforderte Rentner?

Anlaufstelle in der Not

Was ihr den endgültigen Schnitt zumindest etwas erleichtern dürfte, ist das Bekos-Team im Allgemeinen und die Personalie Herschelmanns im Speziellen. Die 54-Jährige – Ergotherapeutin und wie Klumpe Diplom-Pädagogin – konnte sie knapp zwei Jahre einarbeiten. Luxus und Glücksfall zugleich, wie Klumpe sagt. Kein Wunder also, dass Herschelmann auch die bisherige Arbeit fortsetzen möchte: Mut machen, Finanzierung wie Projekte vorantreiben, und nicht zuletzt „flexibel wie sensibel sein“.

Die Bekos, so sagt Klumpes Nachfolgerin, sei eine „Institution in der Stadt“, zahlreiche andere Kontaktstellen würden Oldenburg um das Haus und die Gruppenräume beneiden. Rund 20 Wochenstunden Sprechzeit werden hier angeboten: „Wir sind ein offenes Haus und Anlaufstelle für Menschen in großer Not“.

So sehr sich die Zahl der Angebote verändert hat, so wechselhaft scheinen auch die Themen. Waren früher vor allem die Bereiche Sucht, Co-abhängiges Verhalten von Frauen und Essstörungen gefragt, sind es heute insbesondere Gruppen mit dem Oberthema Angst. „Ratschläge von Experten helfen da nicht immer“, sagt Klumpe, „Die meisten Menschen spüren genau, was gut für sie ist. Und in der Gruppe muss ich gar nicht ständig über meine Krankheit reden – weil alle sie haben und die Probleme kennen. Das entlastet Betroffene und hilft, Energien beim Kampf gegen die Erkrankung in andere Bereiche zu stecken.“

„Ich will“

Sicher auch aus diesem Grunde wird es künftig an jedem ersten Donnerstag im Monat eine offene Sprechzeit der Kontaktstellen in der Karl-Jaspers-Klinik (KJK) geben, dazu einen Poetry-Slam von Betroffenen im Herbst. Kleine Fixpunkte im großen Selbsthilfesystem. Das Bekos-Team stützt bei der Suche nach Wegen und Möglichkeiten, schützt gleichsam ihre „Kunden“ vor Gruppen, die unlautere Ziele verfolgen und beispielsweise Nahrungsergänzungsmittel in Ernährungsgruppen verkaufen wollen. „Wir filtern vor“, sagt Klumpe. Und meint damit nicht zuletzt die Bedürfnisse der Suchenden. Von denen es sehr sehr viele in Oldenburg und dem Umland gibt.

Bei all den negativen Geschichten und Erkrankungen tagein tagaus – ist das nach solch langer Zeit des Austauschs nicht irgendwann zermürbend? „Aber nein“, sagt Monika Klumpe, „wir haben es hier ja mit Menschen zu tun, die alle wollen – das ist eine ganz besondere Energie!“ Wer zur Bekos kommt, gibt sich nicht auf. Auch das ist ein Verdienst der 64-Jährigen.

Profile aller weiterbildenden Schulen in Oldenburg. Welche Schule passt am Besten?

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Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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