Oldenburg /Meerbusch Wie kann es soweit kommen? Das fragen sich Schüler der Cäcilienschule mit Blick auf ihren 17-jährigen Klassenkameraden, der in Meerbusch bei Düsseldorf vor zehn Tagen seine 41-jährige Mutter erstochen haben soll. Anderthalb Jahre lang besuchte der Sohn liberianischer Flüchtlinge das Oldenburger Gymnasium (NWZ  berichtete).

Immer wieder hatte seine Mutter Direktor Franz Held inständig gebeten, ihn aufzunehmen, da er in Nordrhein-Westfalen an mehreren Schulen gescheitert war. Hier wollte man ihm eine Chance geben. In seinem Heimatort war der 17-Jährige in Konflikt mit dem Gesetz wegen Drogen und Diebstahls, hatte wohl die falschen Freunde. In Oldenburg hingegen unterstützten ihn die Klassenkameraden.

Der Junge war ein begabter Musiker, stand auf der Bühne, hatte eine sehr schöne Stimme und spielte Schlagzeug.

Die Frage nach dem „Warum?“ lässt sich also nicht so einfach beantworten. Der Essener Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke zählt zu Deutschlands renommiertesten Trauma-Psychologen und hat mit den Opfern von Winnenden und Erfurt gearbeitet.

„Niemand wird über Nacht zum Mörder“, sagt Lüdke, der unlängst im Klinikum Oldenburg zu Gast war. „Solch eine Tat ist meist der Abschluss einer langen gestörten Persönlichkeitsentwicklung.“

Er vermutet bei dem Schüler aufgestaute Wut, anders könne er sich diesen Angriff nicht erklären. Lüdke nennt die Tat die primitivste Art der Konfliktbewältigung. Er vermutet, dass der Jugendliche zuvor Signale gesendet hat.

Am Oldenburger Gymnasium gibt die Bluttat von Meerbusch Rätsel auf. Direktor Franz Held hat vor den Osterferien mit den Schülern über den Fall gesprochen. Auch die Klassenlehrerinnen haben es thematisiert.

Psychotherapeutin Stefanie Thiede-Moralejo, früher Leiterin des Kinderschutzzentrums, meint, dass Beratungs- und Klassenlehrer inzwischen gut geschult sind. Dennoch empfiehlt sie, den Schülerinnnen, Schülern und auch Eltern und Lehrern an der Cäcilienschule anzubieten, sich in neutralem Rahmen über das Thema auszutauschen. „Lehrer sind ja hier in einer Doppelfunktion“, sagt sie. „Man sollte eine Krisenintervention anbieten, um über Ängste und Emotionen sprechen zu können.“

Ähnlich sieht es Kinder- und Jugendlichentherapeutin Gudrun Sahlender-Wulf. Sie ist Gründungsmitglied der Vertrauensstelle Benjamin und hat auch in einer Suchtklinik gearbeitet. Sie weist darauf hin, dass sich die Schülerinnen oder Schüler fragen könnten, ob oder wie sie die Tat hätten verhindern können oder Schuldgefühle entwickeln. Auch sie rät zu Gesprächsangeboten mit außerschulischen Experten.

Diplom-Psychologe Wilfried Schumann, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle der Universität, ist der Überzeugung, dass Gewaltereignisse und Suizide immer Fragen aufwerfen. Dazu zähle eben jene, wie so etwas passieren könne. „In diesem Fall Unterstützung zu holen, hielte ich für sinnvoll“, sagt er. Auch er hält es für angemessen, den Klassen Beistand von außen anzubieten.

Sabine Schicke stv. Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
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