Wardenburg „Wir leben gern in Wardenburg“, sagt Julia Wolf, und ihr Mann Matthias nickt zustimmend. „Hier ist alles nah, und die Atmosphäre im Ort ist sehr freundlich.“ Das Einzige, was fehlt sind – Immobilienangebote. Vor fünf Jahren ist das junge Paar aus Oldenburg in die Gemeinde gezogen, seit gut drei Jahren suchen die Kauffrau und der Kältetechniker ein Haus zum Kaufen. Ihre Erfahrungen sind ernüchternd: Alte Häuser mit hohem Renovierungsbedarf, feuchten Kellern, schlechter Energiebilanz. „Die Preise liegen durchschnittlich bei 250 000 bis 300 000 Euro – und dann muss man noch Geld in die Renovierung stecken. Das kann man sich als junges Paar kaum leisten – auch wenn ich als Handwerker einiges selber machen könnte“, betont Matthias Wolf.

Foto: Kai Remmers/dpa/tmn

Vor ein paar Wochen wähnten sie sich am Ziel: Sie waren sich mit dem Anbieter handelseinig, hatten schon einen Banktermin – doch dann entschied sich der Verkäufer für einen anderen Interessenten, der mehr Geld bot. „Jetzt haben wir erstmal das Wohnzimmer in unserer Mietwohnung renoviert. Wir richten uns darauf ein, nicht so bald ein Haus zu finden“, sagt Matthias Wolf, und Enttäuschung schwingt in seinem Tonfall mit. Dabei sind die Vorstellungen der beiden Endzwanziger keineswegs utopisch, sondern durchaus bodenständig: Ihr Traumhaus sollte mindestens vier Zimmer haben, eine Wohnfläche von 110 Quadratmetern oder mehr, einen Garten und einen Keller.

Ähnliche Erfahrungen haben auch Frauke und Richard Butz gemacht. Sie leben seit 2013 in Wardenburg, haben im Moment mit ihren drei Kindern ein Haus mit Garten gemietet. Gern möchten sie in der Gemeinde bleiben, allein schon wegen der Kinder. „Der Große ist hier eingeschult worden, er spielt Fußball und ist im Schwimmverein. Der Mittlere geht in Wardenburg in die Kita und ist im Turnverein – da möchten wir natürlich ungern wieder umziehen“, sagt Frauke Butz. „Und nicht nur die Kinder haben Freundschaften geknüpft, sondern auch wir Eltern.“

Familie Butz sucht im wahrsten Sinne auf allen Kanälen: Sie nutzen die Immobilienportale im Internet, haben Makler eingeschaltet und auch Freunde und Bekannte gebeten, ihnen Bescheid zu sagen, falls sie von einem Haus erfahren, das verkauft werden soll. Bisher: Fehlanzeige. „Wardenburg hat Potenzial, aber wir gucken trotzdem jetzt schon weit über den Ort hinaus“, erzählt die 34-Jährige. „Wir wissen von mehreren anderen Familien, die hier gesucht haben und weggezogen sind – das ist ja auch für die Wirtschaft vor Ort nicht gut.“ Sie bestätigt die Erfahrungen vom Ehepaar Wolf: Überwiegend angeboten werden ältere, unrenovierte Häuser, die ohne Renovierungskosten schon rund 300 000 Euro kosten.

Ist es wirklich so schwierig, in Wardenburg ein Haus zu finden, wie viele sagen? Ein Blick in die Immobilienportale im Internet bestätigt den Eindruck, den junge Familien in der Gemeinde haben: Die Auswahl ist klein, noch dazu sind die Objekte häufig renovierungsbedürftig, was den Gesamtpreis in die Höhe treibt. Die niedrigen Zinsen sind ein Grund für den Boom am Immobilienmarkt: Zum einen wagen junge Familien eher, einen – zinsgünstigen – Kredit aufzunehmen, zum anderen investieren sowohl Privatleute als auch gewerbliche Investoren in „Betongold“, weil sie für Spareinlagen nur noch minimale Zinserträge bekommen.

„Der angespannte Immobilienmarkt in Oldenburg strahlt natürlich auch in die Nachbargemeinden aus“, erklärt Cord Grasse von der Maklerfirma Wübbenhorst. „Der Markt ist insgesamt eng geworden.“ Mit 300 000 Euro für ein gebrauchtes Objekt von 120 bis 150 Quadratmetern müsse man mittlerweile in der Gemeinde Wardenburg rechnen, bestätigt er. Die Preiserwartungen der Verkäufer seien definitiv gestiegen.

Tränen am Telefon

Viele Kunden suchten schon jahrelang, sagt Immobilienmakler Thorsten Hibbeler. „Nicht wenige sind wirklich verzweifelt. Einige brechen am Telefon in Tränen aus.“ Vieles gehe im Moment unter der Hand weg, weiß Hibbeler. „Nicht selten sind angebotene Häuser innerhalb von ein paar Tagen vom Markt.“

Immer häufiger werde auch das Bieterverfahren eingesetzt, nach dem das Höchstgebot den Zuschlag bekomme. „Der Markt gibt das im Moment her“, so Hibbeler. Auch im Mietwohnungsbau sei die Situation derzeit ähnlich angespannt, 30 und mehr Interessenten für eine einzige Wohnung kein Sonderfall.

Zuschlag für Anwohner

Wardenburg brauche sowohl Einfamilienhaus- als auch Geschosswohnungsbau, bestätigen weitere Makler. Kaufinteressenten aus Wardenburg konzentrierten sich längst nicht mehr nur auf den Ort, sondern suchten in der gesamten Region. „Wenn irgendwo im Umkreis ein Neubaugebiet ausgewiesen wird, ist das längst nicht mehr nur für die Anwohner dort vor Ort interessant“, weiß ein Branchenkenner. Deshalb vergeben viele Gemeinden mittlerweile einige Neubau-Grundstücke nach einem Auswahlverfahren: Junge Familien, die schon vor Ort wohnen, bekommen zuerst den Zuschlag.

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Anke Brockmeyer Wardenburg / Redaktion Wardenburg
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