Seit 2007 leben der ehemalige Großenkneter Vikar Sacha Sommershof und seine Frau Gesine Weidemann mit ihren beiden Kindern in Voronesh. Sie übermittelten der NWZ diesen Bericht.

Von Sacha Sommershof und gesine Weidemann

Voronesh/Großenkneten „Wir fahren Sie zu allen Heimspielen des 1. FC Kaiserslautern" – Das ist eine von vielen deutschen Aufschriften an den Bussen, die durch Voronesh fahren, eine Stadt auf halbem Wege zwischen Moskau und dem Schwarzen Meer, in der wir seit gut einem Jahr leben. Die alten, ausrangierten Busse stammen aus Deutschland, Schweden, Frankreich oder Japan, und drinnen steht noch immer „Ausstieg hinten“ oder „Immer gut festhalten, sonst entfallen Schadensersatzansprüche.“

Auch wenn kaum jemand diese Schilder lesen kann-, gut festhalten muss man sich wirklich, denn hier fährt man schnell und mit wenig Respekt vor Verkehrsregeln. Mit dem Bus zu fahren, ist eine der wenigen Dinge, die noch billig in Russland sind, und da man in dieser Stadt mit fast einer Million Einwohnern weite Entfernungen zurücklegen muss, sind die Busse stets überfüllt. Betritt man allerdings mit einem Kind den Bus, steht immer sofort jemand auf und macht seinen Platz frei; das ist hier, anders als in Deutschland, selbstverständlich.

Auch abgesehen von weiten und schmutzigen Wegen, die im Winter und noch mehr bei Tauwetter voller Tücken sind, kostet der Alltag in Voronesh viel Zeit und Mühe. In weiten Teilen der Stadt gibt es den halben Tag kein Wasser, so dass man für diese Zeit vorsorgen muss. Trinkwasser muss man ohnehin kaufen, denn das Leitungswasser ist ungenießbar. Die Heizung wird im Oktober angeschaltet und im April abgeschaltet und ist nicht regulierbar, weswegen man gerade in der Übergangszeit erst schwitzen, dann aber auch arg frieren kann. Rechnungen für Strom, Gas, Nebenkosten, Kindergarten usw. werden bar in der Bank eingezahlt, Renten bar abgeholt, so dass sich zu Beginn des Monats überall Schlangen bilden. Auch an der Universität stellt man sich am Zahltag in eine Schlange, um das Gehalt bar in Empfang zu nehmen. Lehrer und Hochschulangestellte verdienen in Russland allerdings sehr wenig, ein Professorengehalt liegt hier etwa bei 280 Euro im Monat. Deswegen haben die Leute auch nie nur eine

Arbeit, sondern mehrere, um über die Runden zu kommen. Aber selbst die, die nicht viel haben, geben den armen Alten, die an den Kirchen oder auf den Straßen betteln, und den Kranken, die um Geld für eine notwendige Operation bitten, noch etwas ab.

Die Menschen hier sind es gewohnt, mit Widrigkeiten fertig zu werden. So ertragen sie alle Unannehmlichkeiten mit Ausdauer und Gelassenheit. Und haben auch noch Zeit und Lust zu feiern. Im Zentrum der Stadt, unter den Augen der unvermeidlichen Leninstatue, pulsiert das Leben, sprießen Cafés, Restaurants und Geschäfte aus dem Boden, und auf dem Prospekt der Revolution, der Prachtstraße Voroneshs, flanieren am Wochenende die Massen auf der Suche nach Zerstreuung und Vergnügen. Oper, Philharmonie und Theater bieten viele und, wie immer in Russland, erstklassige Kulturerlebnisse.

Es ist spannend, mal in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten, trotz, aber auch wegen der Unterschiede. Die Menschen begegnen uns mit Freundlichkeit und aufrichtigem Interesse. Die Studierenden sind

fleißige und engagierte Deutschlerner; einige waren sogar schon in Oldenburg, denn sie kommen vom Gymnasium Nr. 6, das seit vielen Jahren eine Partnerschaft mit dem Neuen Gymnasium Oldenburg unterhält.

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