Sandkrug Brille, lange, zu einem Zopf nach hinten gebundene Haare, Drei-Tage-Bart: Roelf Schwarz (45) aus Sandkrug erfüllt schon rein optisch die Erwartungen daran, wie ein Computernerd auszusehen hat. Der großgewachsene Mann ist tatsächlich einer – und er verfolgt in der Gemeinde Hatten ein ehrgeiziges Projekt. Schwarz will mit dem Segen der Gemeinde ein für jedermann frei zugängliches WLAN-Netz schaffen. Nicht nur dort, wo die meisten Menschen leben, sondern mittelfristig möglichst lückenlos im gesamten Gemeindegebiet.

Wer schon einmal unterwegs versucht hat, über sein Smartphone „mal eben“ im Internet etwas zu recherchieren oder eine Mail mit Anhang herunterzuladen, der weiß, wie problematisch das auch heute noch in Deutschland sein kann. Lange Wartezeiten, manchmal gar keine vernünftige Verbindung ins Mobilnetz oder das Datenvolumen des eigenen Handy-Spartarifs ist gegen Monatsende längst ausgeschöpft. Solche Probleme will die bundesweite Freifunk-Initiative lösen. Sie hat zum Ziel, „freie, unabhängige und nichtkommerzielle Computer-Funknetze zu etablieren“, heißt es in der Selbstbeschreibung.

Freier Zugang für jeden

Und so funktioniert’s: Jeder Nutzer im Freifunk-Netz stellt einen Freifunk-Router für den Datenverkehr der anderen Teilnehmer zur Verfügung. Zum Einsatz dafür kommen Geräte mit einer speziellen Software, die einen freien Zugang für jedermann ermöglicht und außerdem dafür sorgt, dass sich weitere Router in Funkreichweite automatisch vernetzen. Für die Nutzer, die sich so beispielsweise entlang einer Straße bewegen, bleibt der Name des WLAN-Netzes – die sogenannte SSID – während der ganzen Strecke gleich. Nur anhand der leichten Schwankungen der Signalstärke könnte der Übergang von einem Router zum nächsten bemerkt werden. Jeder Haushalt, der dabei mitmacht, stellt einen Anteil seiner Bandbreite ins Internet zur Verfügung. Wichtig: Das Betriebssystem der Router soll verhindern, dass der Inhalt der Kommunikation von Unbefugten einfach mitgelesen werden kann. Dennoch gäbe es für Fachleute Mittel und Wege. „Online-Banking übers Handy sollte zumindest über eine kostenlose VPN-App wie CyberGhost geschützt werden“, betont Schwarz.

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Der Förderverein Freie Netzwerke unterstützt bundesweit die lokalen Freifunk-Communities. Ziel der Initiativen ist es nach eigener Beschreibung, der digitalen Spaltung entgegenzuwirken und sozial gerechten Zugang zu Informationen im Netz zu gewährleisten.

Der Anfang ist gemacht

Roelf Schwarz – Dachdeckergeselle, danach Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Informatikstudent, Gründer einer Computerfirma in Oldenburg – lebt seit 2016 in Sandkrug und steht voll hinter diesen Zielen. Auf eigene Faust hat der Computerfachmann angefangen, geeignete Router an Interessenten zu verteilen: 26 zwischen dem 1. April und 1. September 2018. Später noch mal zehn weitere Geräte, die Bürgermeister Christian Pundt finanzierte, nachdem ihm Schwarz die Idee auf dem Sandyfest erläutert hatte. 54 Geräte steuerte das Land Niedersachsen über das Breitband Kompetenz-Zentrum in Osterholz-Scharmbeck bei. Inzwischen stehen in der Gemeinde etwa 100 Router.

WLAN – Router – VPN: Was heißt das?

WLAN: steht für Wireless Local Area Network, was übersetzt so viel wie drahtloses, lokales Netzwerk bedeutet.

Router: Gerät, das Daten über das Internet empfängt und sendet.

VPN: Abkürzung für Virtual Private Network. Technik, die es erlaubt, von jedem Ort auf der Welt sicher auf Ressourcen im privaten Netzwerk zuzugreifen.

Wer im Internet die Adresse map.ffnw.de aufruft, bekommt eine Vorstellung, wo es überall im Nordwesten schon Freifunk-WLAN gibt – etwa 3000 Stellen. Allerdings sind die Lücken noch beachtlich. „Hatten könnte die erste Gemeinde sein, die komplett abgedeckt ist“, sagt der 45-Jährige und verrät damit auch sein Ziel. Er möchte möglichst flächendeckend das freie WLAN etablieren. „Deutschland humpelt auf diesem Gebiet manchem Entwicklungsland in der sogenannten Dritten Welt hinterher.“

Mit allen Ratsfraktionen hat er bereits gesprochen und soweit überzeugt, dass sein Projekt im Fachausschuss nicht nur vorgestellt wurde, sondern auch weiter geprüft werden soll. Die Gemeindeverwaltung hat 64 000 Euro in den Haushalt 2019 eingestellt, um das von ihr begrüßte Ziel weiter vorantreiben zu können.

1000 Router bis 2021

Schwarz’ Angebot an den Rat: Er will 1000 Router in den nächsten drei Jahren an Hatter Haushalte verteilen, denen dadurch bis auf ein paar Euro wegen des zusätzlichen Stromverbrauchs keine weiteren Kosten entstehen sollen. Da jeder Router etwa zweieinhalb Häuser abdecken könne, wären so schon etwa die Hälfte aller Haushalte abgedeckt, rechnet er vor. Das Management des wachsenden Netzes will er übernehmen und sich den Service von der Gemeinde bezahlen lassen.

Auch die Aufgabe der Überzeugungsarbeit muss und will Schwarz leisten. Dass er das kann, zeigen diese Beispiele: Das Hotel „Zum Deutschen Hause“ in Kirchhatten, die Gaststätte „Zum Pfefferkorn“ in Sandkrug, außerdem der Pizza-Prinz, die Fietsendiele und „Just Vape“ gehören in Hatten zu den Freifunk-Erstnutzern. Was ihre Besitzer überzeugt hat, ist neben dem Vorteil für die eigenen Kunden auch der positive Effekt, den die Freifunk-Router für das eigene Netzwerk haben. Das Sendesignal ist durch das gegenseitige Vernetzen der Geräte plötzlich dort empfangbar, wo vorher gar nichts ankam. „Es wird der Tag kommen, wo es schmerzt, nicht dabei zu sein“, ist Schwarz vom Erfolg der Idee überzeugt.


Mehr Infos unter   www.ffhx@gmx.de 
Werner Fademrecht Hatten / Redaktion Wardenburg
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