Immer Als der Anruf der Gemeinde kam, stieg bei Ana-Lena und Sven Balzersen der Puls. Fünf Tage blieben dem Ehepaar, um sich auf die Ankunft „ihrer“ Familie vorzubereiten. Aufregung mischte sich mit Vorfreude – Anfang September war das. Nun sind Balzersens eine von bislang drei Familien im Gemeindegebiet, die privat Flüchtlinge aufgenommen haben.

Khaled Jatto (37), Ehefrau Ayda Amer (29) und der gemeinsame Sohn Arian (fast zwei) leben in einer kleinen Wohnung auf dem Resthof der Balzersens in Immer. Anfang Januar kommt ein Baby dazu.

Die Familie stammt aus dem Nordosten Syriens, hatte dort ein eigenes Haus. Khaled Jatto verdiente als Maler im benachbarten Libanon genug Geld, um seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Heute ist die Region in weiten Teilen zerstört. Das Ehepaar hat mehr als nur seine Eheringe versetzt, um die Flucht auf dem Landweg zu finanzieren. Streckenweise seien sie mit dem Auto geflohen, doch einen großen Teil ihres Weges hätten sie zu Fuß zurückgelegt, erzählen die Eheleute.

Dass sie bei Familie Balzersen untergekommen sind, beschreiben Khaled Jatto und Ayda Amer auf Arabisch als „großes Glück“. Die Sorge der beiden, ihren Gastgebern zur Last zu fallen, zerstreut das Ehepaar Balzersen. „Wir haben von Anfang an klar gemacht, dass wir keine Gegenleistung erwarten“, betont Ana-Lena Balzersen.

Im Sommer waren sie und Ehemann Sven mit dem Angebot auf die Gemeinde zugegangen, in ihrem Gästehäuschen eine alleinerziehende Mutter oder eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Das private Umfeld habe fast durchweg positiv reagiert, erzählt Ana-Lena Balzersen. Die Hilfsbereitschaft war riesig. „Ich habe so viele Sachspenden bekommen, dass ich einen großen Teil zur Gemeinde bringen konnte.“ Und wenn es doch Vorbehalte gegeben hätte? – „Das hätte uns nicht umgestimmt“, sagt die 33-Jährige entschlossen.

Das Zusammenleben mit den neuen Nachbarn laufe „absolut rund“, so Sven Balzersen (53). Jede Familie lebe für sich, doch man stehe in engem Kontakt – sitze mitunter abends zusammen, kaufe gemeinsam ein oder unternehme Freizeitaktivitäten. Kürzlich waren sie mit den Kindern im Spieleland. Bendix, der viereinhalb Jahre alte Sohn der Balzersens, hat spontan Spielzeug an den kleinen Arian abgetreten. Auch für Bendix sei die neue Situation eine wertvolle Erfahrung, meinen Ana-Lena und Sven Balzersen.

Die Sorge, dass die ihnen zugeteilte Flüchtlingsfamilie nicht zu ihnen passen könnte, hatten die beiden nie. Als Piloten sind beide auch im Nahen Osten unterwegs und generell offen gegenüber anderen Kulturen. Eine Barriere indes stellt die Sprache dar. Khaled Jatto fährt zweimal in der Woche mit dem Rad zum Sprachkursus nach Ganderkesee, dreimal in der Woche kommen zwei ehrenamtliche Sprachlehrerinnen nach Immer. Doch vorerst muss die Verständigung noch mit Händen und Füßen funktionieren.

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Und dann wäre da noch ein Wunsch an die Politik. Khaled Jatto möchte arbeiten – und er könnte sofort arbeiten. In der Firma von Bekannten der Balzersens dürfte er kurzfristig als Handwerker anfangen. „Aber uns sind die Hände gebunden“, sagt Sven Balzersen mit Blick auf das Asylgesetz.

In Immer fühlt sich Familie Jatto/Amer nach eigener Aussage nicht nur wohl, sondern „angekommen“. Auch ihre Gastgeber sprechen von einer „sich entwickelnden Freundschaft“. Dennoch: Würde in Syrien wieder Frieden herrschen, würden Ayda Amer und Khaled Jatto mit ihren Kindern sofort in die Heimat zurückkehren.

Karoline Schulz Redakteurin / Redaktion Ganderkesee
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