Hundsmühlen Milchtankstelle, Regiomat, Verpachtung von Feldparzellen an Privatleute – mit diesen und anderen Projekten hat Dirk Freese in den vergangenen Jahren von sich reden gemacht. Der 28-Jährige ist ein Querdenker unter den heimischen Landwirten. Jetzt verblüfft er mit einer neuen Idee: Per Crowdfunding – eine Investition, die von vielen Geldgebern getragen wird – will er einen Teil eines Melkroboters für seinen Hof finanzieren. Darauf gebracht hat ihn ein Eintrag auf Facebook.

Nach vier Generationen

Ende März schrieb sich der Junglandwirt aus Hundsmühlen unter dem Stichwort #5nach12 seinen Frust von der Seele: Aufgrund wirtschaftlicher und politischer Vorgaben sei es ihm vielleicht nicht möglich, den Hof zu halten, der seit vier Generationen im Familienbesitz ist. „Nach 710 Jahren Hundsmühler Dorfgeschichte werden in diesem Jahr die letzten Kühe das Dorf verlassen“, hatte er angekündigt. Rund 350 000 Facebook-Nutzer hatten seinen Eintrag gelesen, die Kommentare schwankten zwischen Mitleid, Zustimmung und Fassungslosigkeit. Und irgendwann kristallisierte sich die Idee heraus, die Investitionen, die der Landwirt allein nicht hätte stemmen können, auf viele Schultern zu verteilen. „Soweit ich weiß, hat dieses Modell in der Landwirtschaft noch niemand ausprobiert“, lacht Dirk Freese und macht nun aus Crowdfunding schlicht „Cowfunding“. „Einen Versuch ist es wert.“ Für ihn ist es ein Rettungsanker. „Den Hof meiner Familie aufzugeben, würde mir in der Seele wehtun.“

Eigentlich hatte er Großes vor: Mit dem Kauf eines Melkroboters hatte er gleichzeitig in mehr Tierwohl investieren wollen. „Mein Vater und ich wollen uns schon seit Jahren von der jetzigen Tierhaltung verabschieden.“ Ein Melkroboter kann rund 60 Kühe pro Tag melken, derzeit leben 105 Milchkühe auf dem Hof am Querkanal. Die Herde wäre um gut 30 Tiere reduziert, der Betonboden teilweise durch Stroh ersetzt worden. Die Tiere hätten mehr Platz gehabt, um sich im Stall frei bewegen und jederzeit den Melkroboter ansteuern zu können. Gleichzeitig sollte ein moderner, offener Bullenstall mit reiner Strohhaltung gebaut und die Rindermast erweitert werden. Doch extrem gestiegene Bodenpreise für landwirtschaftliche Nutzflächen und ein neuer Eigentümer eines Teils ihrer Flächen, der plötzlich den Pachtpreis um 80 Prozent anheben wollte, brachte ihr Investitionsmodell ins Wanken. „Wir haben im Moment wenig Altschulden – deshalb wäre es eigentlich klug, jetzt aufzuhören“, sagt Dirk Freese.

Wahnsinn und Hoffnung

An diesem Punkt angekommen, hatte er den Eintrag auf Facebook geschrieben. Und nun steht der Gedanke des Crowdfundings im Raum. „Wir können den Geldgebern keinen Gegenwert bieten. Wer uns Geld gibt, müsste das aus Idealismus tun“, betont er. Allerdings sei eine Finanzierung in der Landwirtschaft sowieso immer „eine Investition in Wahnsinn und Hoffnung“, sagt der Hundsmühler, und es klingt nicht witzig, sondern eher nach blankem Fatalismus. Denn: „Wir können unsere Arbeit nicht konkret in Rechnung stellen wie andere Unternehmer. Den Preis für unsere Produkte machen andere – so wird jede Investition eine Wahrscheinlichkeitsrechnung.“

Für das Modell des Melkroboters und des Tierwohls schlägt sein Herz. Gerade deshalb macht er sich die Entscheidung nicht leicht. „Die meisten Berater stehen noch immer auf dem Standpunkt, nur ein Hof, der wächst, könne überleben. Aber ich möchte nicht immer größer werden, 500 Kühe und mehr haben, damit es sich lohnt“, wettert Freese.

Er will den entgegengesetzten Schritt gehen – verkleinern und seinen Tieren mehr Platz bieten. Vorstellbar sei auch ein Bereich, in dem Mutterkühe und Kälbchen zusammenbleiben dürfen und die Mutterkühe trotzdem gemolken werden können. „Das würde ich gern ausprobieren. Wenn wir den Tierbestand reduzieren, wäre der Platz auf jeden Fall da.“

Tieren Freiraum bieten

150 000 Euro kostet der Melkroboter. Hinzu kommen gut 350 000 Euro für einen neuen Bullenstall. Plus Umbauarbeiten am Kuhstall, um die Tiere auf Stroh zu halten und ihnen Freiraum zu bieten. Was, wenn das Crowdfunding nicht funktioniert? „Dann rechnen wir nochmal neu“, sagt Dirk Freese entschlossen. Und wer ihn kennt, ahnt, dass ihm vielleicht auch noch etwas anderes einfällt, um den Hof seiner Großväter zu retten.


Mehr zu diesem Crowdfunding unter   betterplace.me, stichwort „milchkühe“ 
Anke Brockmeyer Wardenburg / Redaktion Wardenburg
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