Harpstedt Bei Wilhelm Eiskamp an der Logestraße wurde an jenem Abend des 21. Februar 1943, also vor 75 Jahren, Doppelkopf gespielt. Großvater Heinrich Eiskamp, Tischler Karl Bischoff und Johann Sander von der Wildeshauser Straße komplettierten die Runde. Auch Kinder sowie eine Tante waren im Haus. Stark nebelig sei es draußen gewesen, werden sich später Zeitzeugen erinnern. Um 20.20 Uhr begann ein Inferno: Sirenen heulten, alle liefen in die Luftschutzkeller. Was folgte, war der schwerste Luftangriff, den Harpstedt im Zweiten Weltkrieg erlebte.

35 Minuten dauerte dieser Angriff – Minuten, „die den verängstigten Bewohnern in den Kellern wie eine Ewigkeit vorkamen“, so schrieb es Dirk Heile in seinem Band II der Chronik der Samtgemeinde Harpstedt. In dieser Zeitspanne „regnete es Spreng- und Brandbomben und einige Luftminen über Harpstedt und seiner weiteren Umgebung“.

„Unser Luftschutzkeller war unter der Waschküche, circa 10 Meter vom Hauseingang entfernt“, so erinnerte sich eine Harpstedterin, die den Albtraum als Zehnjährige erlebte. Ihr Zeitzeugenbericht wird, wie der vieler anderer, im Archiv der Samtgemeinde verwahrt. „Ich sehe noch meine Mutter mit meinem Bruder auf dem Arm, wir Schwestern an sie geklammert im Hauseingang stehen, um einen Moment zum Laufen in den Luftschutzkeller abzuwarten.“ Auch Nachbarn seien hinzugekommen. Im Keller „hörten wir ein entsetzliches Krachen und Donnern. Wir schrien und meine Mutter umarmte uns tröstend.“

Als die Bewohner später wieder aus den Schutzräumen herauskamen, sahen sie es ringsherum brennen. „1 Toter, 6 Verletzte, Häuser: 30 Totalschäden, 6 Brände“, notierte Oberwachtmeister Otto Meierdierks. Harpstedt selbst war betroffen, Klein Köhren, Horstedt, Dünsen, Kirchseelte und Klosterseelte.

Hermann Bokelmann, von 1964 bis 1996 Fleckenbürgermeister und von 1991 bis 2001 Landrat, war damals 14. „Das halbstündige Bombardement haben wir in Dünsen mit zwölf Personen – unsere Nachbarsfamilien Precht und Sudmann, meine Eltern, ich und Prechts junger Pole Thaddäus – in unserem kleinen Keller zitternd vor Angst erlebt.“

Bokelmann hat bereits vor einigen Jahren bei Recherchen herausgefunden, dass es nicht nur ein Todesopfer, den 61-jährigen Hermann Horst, gab. Denn in Dünsen sei auch ein polnischer Fremdarbeiter, Boleslaw Drowsdowski, umgekommen.

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Unklar war lange Zeit der Zweck dieses Luftangriffs auf das beschauliche Harpstedt. Für Friedrich zur Hellen, Archivbetreuer im Amtshof, gibt es allerdings sehr wohl eine sinnvolle Erklärung: die Muna in Dünsen. Denn die habe damals die offizielle Bezeichnung „Luftmunitionsanstalt Harpstedt“ getragen.

Zur Hellen wies darauf hin, dass bereits vor diesem Luftangriff in einem abgeschossenen Bomber eine Landkarte gefunden wurde, in der die Muna eingezeichnet war – und zwar zwischen den Mühlen von Harpstedt, Horstedt, Kirchseelte und Beckeln.

Karsten Kolloge Harpstedt / Redaktion Wildeshausen
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