Ganderkesee Im Bereich der ambulanten Pflege ist die Lage in Niedersachsen dramatisch. Drei Viertel der Pflegedienste schrieben rote Zahlen; der Vorsitzende des Diakonischen Dienstgeberverbandes, Rüdiger Becker, stellte in Aussicht, dass Mitgliedseinrichtungen die ambulante Pflege einstellen könnten. An diesem Donnerstag soll es im Streit mit den Kostenträgern einen Schiedsspruch geben.

„Wir sind sehr gespannt auf den Ausgang des Schiedsverfahrens“, sagte Melanie Eyhusen von der Geschäftsstelle Oldenburg der Arbeiterwohlfahrt am Mittwoch bei einem Gespräch in der Awo-Sozialstation Ganderkesee, „denn unsere Kosten müssen am Ende gedeckt sein.“ Das Problem sei eine unzureichende Finanzierung im ambulanten Bereich. „Ambulant vor Stationär funktioniert leider nicht“, erklärte Nicole Monenschein, Leiterin Ambulante Dienste. Man habe zwar entsprechende Budgets und stelle Mitarbeiter nach den Tarifen des öffentlichen Dienstes ein, „aber dann wird das von den Trägern nicht refinanziert“. Als Beispiel nannte sie drei Minuten bezahlte Anfahrt für Personal, während in ländlichen Bereichen wie Ganderkesee oft mit sechs Minuten oder mehr gerechnet werden müsse. „Da kommt auch unser Wohltätigkeitsanspruch hinzu“, ergänzte Eyhusen, was ein Grund für teils sehr lange Wegstrecken sei.

Träger ziehen nicht mit

Ein anderes Problem sehe man in den Ansprüchen der Träger. „Wir versuchen alles im Bereich Qualitätsmanagement, genau wie die sich das vorstellen,“ so Monenschein, „wir sind TÜV-zertifiziert und haben in Ganderkesee die Prüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung mit der Note 1,2 bestanden. Aber in der Realität findet das nicht wirklich Beachtung. Das ist für uns ein völlig falsches Auslegen der gesetzlichen Lage.“

In Ganderkesee werden derzeit rund 170 Menschen von der Awo ambulant betreut, was für die Mitarbeiter 220 Anfahrten jeden Tag bedeutet. „In unserem Dienst heißt das, bei Wind und Wetter raus zu müssen, Krisenmanagement zu betreiben und letztendlich Hauptverantwortung für Patienten zu haben“, sagte Monenschein. 45 Angestellte arbeiten in Ganderkesee, einige von ihnen in Teilzeit.

Als Arbeitgeber versucht die Awo, attraktiv zu sein. Eyhusen: „Das ist ein sehr hart umkämpfter Arbeitsmarkt, man muss als Arbeitgeber einen guten Ruf haben. Wir tun viel für unsere Mitarbeiter in Sachen Vorsorge, Weiterbildung und Betriebsklima.“

Neben einer Verschärfung der aktuellen Entgelt-Situation gebe es momentan aber auch einen nicht unerheblichen Verwaltungsaufwand mit einigen der zuständigen Träger. „Wir bieten ein gefragtes Dienstleistungspaket. Es ist schwer, zu sehen, dass die Kostenträger da nicht mitziehen“, sagte Monenschein.

Interesse der Patienten

Von der geplanten Stärkung im ambulanten Bereich durch das sogenannte Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz habe man nicht viel bemerkt. „Die Versorgungsstrukturen zuhause werden komplexer“, so Monenschein, „es gibt eine Singularisierung der Haushalte, viele Menschen leben ganz alleine.“ Die echten Leistungsträger seien mittlerweile die Angehörigen, weshalb mögliche Absagen seitens der Awo sehr ärgerlich seien. Man sei zwar lokal gut vernetzt und würde im Interesse von Patienten auch an andere Dienste vermitteln, glücklich mit der Situation sind die Awo-Mitarbeiterinnen aber nicht. „Wir arbeiten auf hohem Niveau“, bekräftigte Monenschein, „und das muss bitte so bleiben können.“

Arne Haschen Volontär, Agentur Schelling / Redaktion Ganderkesee
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