Ganderkesee Frisch abgeerntete Stoppelfelder, auf denen große runde Strohballen lagern, daneben reifes Getreide, dessen Ernte kurz bevorsteht, riesige Maisflächen, zurzeit noch in sattem Grün, und auch immer wieder Weiden, auf denen Kühe grasen: Das Gebiet westlich von Ganderkesee ist erkennbar von der Landwirtschaft geprägt. Aber zwischendrin gibt es kleine Wälder und Baumgruppen, Wallhecken und Blühstreifen – auch ökologisch hat der Bereich allerhand zu bieten. Soviel sogar, dass hier ein Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen wurde. Nun soll beides – Landwirtschaft und Natur – weiter entwickelt werden: im Rahmen einer Flurbereinigung, die am Mittwochabend im Rathaus rund 60 interessierten Bürgern und Grundeigentümern aus dem Plangebiet vorgestellt wurde.

Worum geht es
bei dem Verfahren
?

Die Gemeinde Ganderkesee hat für den Bereich des Welsetals zwischen Habbrügge und Immer sowie Bergedorf und Bürstel ein vereinfachtes Flurbereinigungsverfahren vorgeschlagen, das vom Amt für regionale Landesentwicklung (Oldenburg) umgesetzt werden soll. Ein vereinfachtes Verfahren benötigt weniger Zeit als die Regelflurbereinigung und muss sich auf konkrete Zielsetzungen konzentrieren. In diesem Fall wären das Verbesserungen bei Gewässerschutz und Wegeausbau. Gleichermaßen profitieren würde die Landwirtschaft durch eine ökonomischere Nutzung der Flächen, wenn diese getauscht oder zusammengelegt werden.

Was ist der
Gemeinde wichtig
?

Die Düngung bis unmittelbar an die Gewässerläufe soll vermieden werden. Die Gemeinde will daher Flächen in einer Breite von zehn Metern beiderseits der Welse und der weiter südlich verlaufenden Immerbäke sowie an den kleineren Gräben in ihren Besitz bringen, damit diese nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden können. Ein ganz wesentlicher Punkt ist aber auch die Sanierung von Straßen und Wegen im Planbereich: Während Landesmittel aus dem Programm für den ländlichen Wegebau immer spärlicher fließen, wird bei Flurbereinigungsverfahren der Wegebau – wie auch die anderen Maßnahmen – mit bis zu 75 Prozent der Kosten gefördert. Die anderen 25 Prozent trägt die Teilnehmergemeinschaft. Ein konkretes Projekt wäre die Sanierung der Straße Am Heidenwall zwischen Dehlthun und Bürstel, die in den nächsten Jahren ohnehin erforderlich ist.

Wie ist der Stand
des Verfahrens
?

Zurzeit handelt es sich noch um ein Vorverfahren. Jetzt geht es um die Abgrenzung des Einzugsbereichs und die Auflistung möglicher Maßnahmen. Dafür wurde am Mittwoch ein Arbeitskreis gebildet, dem Vertreter der Ratsfraktionen, von Naturschutzverbänden und -behörden, des Landvolks und der Jägerschaft sowie der Orts- und Heimatvereine angehören. Auch der Ochtumverband ist mit im Boot. Bis Ende Oktober müssen sie Ergebnisse liefern, damit aus dem Vorverfahren ein verbindliches Projekt wird. Ein Jahr bleibt dann Zeit, um ein Planungskonzept zu erstellen, das dem Landwirtschaftsministerium vorgelegt werden kann. Bei zu großen Widerständen kann das Vorverfahren noch abgebrochen werden.

Ist die Umsetzung des
Verfahrens gesichert
?

Nein. Es gibt eine Rangfolge von Flurbereinigungsverfahren landesweit, die nach einer Kosten-/Wirkungsanalyse aufgestellt wird. Frühestens im Frühjahr 2021 entscheidet sich, ob das Ministerium ein Verfahren für das Welsetal anordnet. Bei einem positiven Beschluss kann die Bewertung und Vermessung der Flächen beginnen. Etwa zwischen 2025 und 2027 würde der Flächentausch erfolgen – „ein großes Puzzle“, wie Ralf Krummel vom Amt für regionale Landesentwicklung betonte. Gespräche mit allen Eigentümern finden statt, niemand soll durch das Verfahren einen Nachteil erleiden. In Ausnahmefällen sind auch finanzielle Entschädigungen möglich. Bei Widersprüchen kann es zu einer juristischen Klärung kommen. „Ein Flurbereinigungsverfahren ist keine Enteignung“, versicherte Krummel. Mit Kataster- und Grundbuchberichtigungen würde sich das Verfahren bis zur Schlussfeststellung im Jahr 2031 hinziehen.

Wie bewerten die
Landwirte das Verfahren
?

Kritik aus ihren Reihen wurde beim Informationsabend im Rathaus nicht laut. Belange der Landwirtschaft und des Naturschutzes würden gleichberechtigt berücksichtigt, findet Jürgen Struthoff, Landwirt aus Bergedorf und als FDP-Ratsherr Mitglied im Arbeitskreis für das Flurbereinigungsverfahren. „Wir Landwirte sehen das durchweg positiv.“

Und was sagen
die Kritiker
?

Schon im Vorfeld des Info-Abends hatten die Grünen von „Etikettenschwindel“ gesprochen. Der Gewässerschutz werde nur vorgeschoben, um landwirtschaftliche Interessen zu bedienen. „Das hat sich bei der Veranstaltung bestätigt“, meint Fraktionschef Dr. Volker Schulz-Berendt. Die Grünen werden im Arbeitskreis nicht mitarbeiten. „Darin sehen wir keinen Sinn“, sagt Schulz-Berendt.

Lesen Sie auch:
Genau hingucken
Hergen Schelling Agentur Schelling (Leitung) / Redaktion Ganderkesee
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.