Bookholzberg Es war ein langer Weg, Dietmar Mietrach verglich ihn mit einem Marathonlauf. Aber nun seien „die letzten Meter geschafft“, freute sich der Vorsitzende des Fördervereins Freilichtbühne Bookholzberg am Donnerstag bei der symbolischen Schlüsselübergabe für das Haus 21 im Spieldorf der Bühne. Dort wollen der Förderverein und der Arbeitskreis Stedingsehre ein Informationszentrum einrichten. Bis das eröffnet werden kann – Mietrach geht von Herbst 2020 aus –, ist aber noch ein bisschen mehr Wegstrecke zurückzulegen.

Was bisher passierte

2004 gründete sich der Arbeitskreis Stedingsehre, um die Geschichte der Freilichtbühne aufzuarbeiten, 2011 kam der Förderverein hinzu. Gemeinsames Ziel: die in der NS-Zeit gebaute und für ideologische Zwecke genutzte Anlage auf dem Gelände des Berufsförderungswerks (BFW) Weser-Ems zu einem Geschichts- und Lernort zu entwickeln und ein Informations- und Dokumentationszentrum einzurichten. Als Gebäude dafür rückte nach längerem Hin und Her und zwischenzeitlichen Enttäuschungen schließlich das Haus 21 in den Fokus, das zuletzt als Wohnhaus genutzt wurde. Der Eigentümer des BFW, die Landesstiftung für berufliche Rehabilitation, brauchte eine ganze Weile für die Entscheidung, das Haus für 50 000 Euro an die Gemeinde Ganderkesee zu verkaufen. Vor wenigen Wochen fiel im Stiftungsrat aber endlich der Beschluss. Allerdings ist der Kaufvertrag noch nicht notariell unterschrieben.

Hunderttausende schauten zu

Mit dem Bau der Freilichtbühne „Stedingsehre“ auf dem Bookholzberg wurde 1934 auf Veranlassung des Oldenburger Gauleiters Carl Röver begonnen. 1935 und 1937 fanden dort Masseninszenierzungen des Stücks „De Stedinge“ von August Hinrichs statt, das den Freiheitskampf der Stedinger im Jahr 1234 und dessen Niederschlagung beschreibt. Insgesamt rund 230 000 Zuschauer verfolgten die Aufführungen.

Das NS-Regime wollte das Gelände danach zu einem Schulungszentrum für den Parteinachwuchs ausbauen. Der Zweite Weltkrieg verhinderte diese Pläne.

Nach dem Krieg fanden noch bis in die 70er Jahre gelegentlich Musikveranstaltungen auf der Bühne statt. Das Spieldorf wurde zuletzt vom Berufsförderungswerk genutzt, das es jetzt aber nicht mehr benötigt.

Was gestern passierte

Diese „kleine Einschränkung“, so Ganderkesees Bürgermeisterin Alice Gerken, sollte der Schlüsselübergabe am Donnerstag nicht im Wege stehen. „Uns war wichtig, dieses Zeichen zu setzen“, sagte sie mit Blick auf die Ehrenamtlichen in Arbeitskreis und Förderverein, die schon so lange auf ihr Ziel hinarbeiten. Gerken und auch der Erste Kreisrat Christian Wolf hoben hervor, dass Politik und Verwaltung in Gemeinde und Landkreis das Projekt einhellig unterstützen und die Beschlüsse zur Förderung einstimmig gefallen sind.

Was jetzt passiert

Erst wenn der Kaufvertrag unterschrieben ist, was laut Gerken im November geschehen soll, kann die Gemeinde die notwendigen Arbeiten ausschreiben. Das Haus 21 ist in einem schlechten Zustand, die Kosten für Renovierung und Sanierung wurden auf rund 260 000 Euro geschätzt. Die Bürgermeisterin geht davon aus, dass diese Summe voll ausgeschöpft wird. Zur Finanzierung wird eine Förderung von 100 00 Euro aus dem EU-Programm Leader erwartet, außerdem ein Eigenbeitrag des Fördervereins von 30 000 Euro. Den Rest teilen sich Kreis und Gemeinde je zur Hälfte. Nach Abschluss der Arbeiten kann die Einrichtung des Informationszentrums beginnen, was laut Dietmar Mietrach rund drei Monate dauern wird. In die Planungen wurde bereits ein Museumsexperte einbezogen. Mietrach hofft auf eine Eröffnung im Herbst 2020. Wie der laufende Betrieb des Infozentrums finanziert wird, ist noch nicht geklärt. Auf jeden Fall, so Mietrach, werde man auf Spenden und Sponsoren angewiesen sein.

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Was passieren könnte

Die Zukunft der anderen Gebäude im Spieldorf und auch der imposanten, aber maroden Tribüne beschäftigt zurzeit die Gemeinde und die INN-tegrativ gGmbH als Träger des Berufsförderungswerks. „Wir überlegen ein sinnvolles Nachnutzungskonzept“, sagte INN-tegrativ-Geschäftsführer Lars Pallinger am Donnerstag. Das BFW benötigt für seine Zwecke die Gebäude nicht mehr, ist als Eigentümer aber in der Pflicht, den Erhalt unter Denkmalschutz zu sichern. Das kostet laut Pallinger 70 000 bis 100 000 Euro pro Jahr. Diese Ausgaben müssten bei einer neuen Nutzung mindestens erwirtschaftet werden. Eine „zündende Idee“, so Pallinger, gebe es noch nicht. Die Freilichtbühne sei aber ein „Denkmal von landesweiter Bedeutung“. Deshalb sollen Landtags- und Bundestagsabgeordnete mit ins Boot geholt werden, auch um Fördermöglichkeiten zu sondieren. Erstmal müsse aber ein tragfähiges Konzept vorliegen, betonten Alice Gerken und Lars Pallinger übereinstimmend. Im nächsten Jahr sei man wohl einen Schritt weiter.

Hergen Schelling Agentur Schelling (Leitung) / Redaktion Ganderkesee
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