Ahlhorn Irgendwann sind sie aufgefallen,  die neun Menschen aus Rumänien auf dem Dorfplatz in Ahlhorn. So schilderte Bernd Book von der Kolpingsfamilie den Vorfall vor rund einem Jahr. Die Gruppe war in Ahlhorn ausgesetzt worden – mit der Aussicht auf Wohn- und Arbeitsplatz. Doch nichts passierte. „Sie haben tagelang auf dem Dorfplatz gehaust“, so Book, „so geht man nicht mit Leuten um“.

Es ist eines von vielen Ereignissen, die die mehr als 40 Zuhörer beim Vortragsabend „Prekäre Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft und der Fleischindustrie“ fassungslos zurückließen. „Warum passiert da nichts“, war gleich mehrfach im Saal des „Alten Posthauses“ in Ahlhorn zu hören angesichts der menschenunwürdigen Arbeits- und Wohnverhältnisse, unter denen Wanderarbeiter immer wieder in der Region mit Werkverträgen arbeiten. „Warum greifen Politik und Behörden nicht ein“, die andere Dauerfrage. Eine mögliche Erklärung von Teilnehmern im Saal: Weil sie mitunter Teil dieses Systems sind und sich von mächtigen Firmen vorführen lassen.

Bündnis 90/Die Grünen (Kreisverband) und die Kommunale Alternative (KA) Großenkneten hatten Daniela Reim, die Beraterin für Mobile Beschäftigte, als Referentin gewonnen. Das Büro wird komplett vom Land Niedersachsen finanziert. Was sie in mehr als fünfeinhalb Jahren erlebt hat, waren Einblicke in Praktiken von Wirtschaftsunternehmen/Schlachthöfen, die die Zuhörer schockierten und zugleich wütend machten.

967 Menschen aus Rumänien, 546 aus Bulgarien und 67 aus anderen Ländern hat Reim mit ihrer Kollegin schon beraten. Die Fleischindustrie macht mit 71 Prozent den größten Teil aus, dann folgt der Metall-/Elektro-Bereich. Die Hauptthemen sind Kündigung, Arbeitsvertrag, Kindergeld, Entlohnung, Sozialversicherung, Krankenversicherung. Dass der Mindestlohn von 9,19 Euro die Stunde ein Argument ist, nach Deutschland zu kommen, wird schnell klar beim Blick auf die Situation in den Heimatländern: in Rumänen 2,68 Euro Mindestlohn, in Bulgarien 1,72. Mit 700 000 Personen bilden die Rumänen die viertgrößte Gruppe unter den Ausländern in Deutschland.

Kindergeld wichtig

„Wenn das Kindergeld nicht wäre, würde viele nicht arbeiten, weil der Lohn zu niedrig wäre“, merkte Reim an. Der offizielle Mindestlohn sei die eine Seite, die andere die tatsächlichen Auszahlungen. So berichtete sie von Fällen, wo 275 Euro Miete für ein Bett (im Vier-Personen-Zimmer) pro Monat genommen würden. Dazu kämen Transportkosten zur Schlachterei. Das System funktioniere und basiere auf dem Prinzip der Angst. Wenn Wohnverhältnisse bemängelt würden oder man krank werde, sei der Arbeitsplatz schnell verloren. Oft gehe das über die Subunternehmen.

Dass die Aufklärungsarbeit von Reim nicht wohl gelitten ist, demonstrierte sie mit einem Foto. Darauf ist ein Porträt von ihr zu sehen und daneben steht: „Daniela Reim darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung von Christian und Ulrich Osterloh den Wohnpark betreten.“ Die Rede ist vom Wohnpark in Ahlhorn an der Straße Am Scheidewald. Der Aushang befinde sich beim Pförtner, so Reim. Sie kann mehrere Unterlassungserklärungen von Firmen vorzeigen, die ihr den Kontakt mit Mitarbeitern verwehren wollen.

„In der Regel“, so Reim, „wird kein letzter Lohn und keine Urlaubsabgeltung ausgezahlt beim Verlassen der Firma.“ Die Arbeiter stünden unter hohem Druck, würden ausgebeutet, gleichermaßen von Subunternehmen wie von Landsleuten, die sich ihre Dienste hoch vergüten ließen.

Fazit von Reim: „Die Angst gehört zum Werkvertragssystem dazu – zum Vorteil der Arbeitgeber“. Die Ausbeutung ausländischer Werkvertragsarbeiter in der Fleischindustrie sieht sie als „Ergebnis bewusster deutscher Politik. Sie gehört zu dem auf der Ausbeutung von Billigarbeit basierenden Wirtschaftsmodell.“ Reim fügte hinzu: „Profitieren wir nicht alle von den Niedrigpreisen von Fleisch, Spargel und Erdbeeren?“

Völlig überbelegte Wohnungen in Schrottimmobilien: Das war einer der Kritikpunkte des Abends. „Wer Missstände erkennt, kann sich an uns wenden“, sagte Erster Kreisrat Christian Wolf. „Das Bauordnungsrecht ist ein scharfes Schwert.“ Man müsse sich aber auch über die Folgen klar sein. Damit meinte er die Gefahr der Obdachlosigkeit. Auf diesen Zwiespalt wies auch Reim hin, dass die Arbeiter sich sorgen, das Dach über den Kopf zu verlieren. Matthias Reinkober, bei der Stadt Lohne tätig, riet dazu, Wohnungen und Häuser, die überbelegt sind, zur Anzeige zu bringen „In Lohne hat das ganz gut geklappt.“ Dass es derartige Immobilien in Ahlhorn und Wildeshausen an diversen Stellen gibt, merkten mehreren Redner an. Wilfried Papenhusen (Bündnis Mut) formulierte: „Die Käfighaltung für Hähnchen wurde abgeschafft. Dafür haben wir die Käfighaltung für Werksarbeiter.“

Fairtrade daheim

Dr. Reinhold Schütte, Grünen-Kreistagsabgeordneter, erinnerte daran, dass drei Gemeinden im Kreis „Fairtrade“-zertifiziert seien. Dabei geht um bessere Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern. „Müssen wir uns nicht erstmal an die eigene Nase fassen und vor der eigenen Haustür kehren?“, fragte er angesichts der Informationen an diesem Abend.

Axel Janßen (KA), der durch den Abend führte, fasste zusammen, dass es das eigene Konsumverhalten zu überdenken gelte. Zudem gebe es ein „Durchsetzungsproblem“ bei den Gesetzen.“ Mehr Kontrollen seien gefragt. Eduard Hüsers, Grünen-Kreistagsabgeordneter, kündigte eine Initiative im Kreistag an, Firmen auf den Index setzen zu lassen, die mit Werkverträgen ab einer bestimmten Prozentzahl arbeiten. „Wir schmeißen den Stein ins Wasser“, sagte er.

Ulrich Suttka Stv. Redaktionsleitung, Großenkneten/Dötlingen / Redaktion Wildeshausen
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