Wardenburg Bei Familie Grundmann in Wardenburg ist wieder Kindergeschrei zu hören. Vater Waldemar hat den alten Kinderstuhl aus dem Keller geholt, damit die sieben Monate alte Mahdsi mit am Tisch sitzen kann. Sie kräht fröhlich durch die Küche. Ein rundum glückliches Kind. Vor fünf Monaten war das anders. Da marschierten Ali Nazari und seine Frau Golchere Hasani mit dem zwei Monate alten Säugling zehn Stunden durchs Gebirge, um die iranisch-türkische Grenze unentdeckt zu überwinden.

Vor Krieg geflohen

Zwei Jahre zuvor waren sie vor dem Krieg in Afghanistan ins Nachbarland geflohen, hatten dort aber als Schiiten große Probleme und sollten abgeschoben werden. „Als wir hörten, dass die Grenzen offen sind, haben wir einen Monat überlegt, ob wir nach Deutschland fliehen sollen“, berichtet Ali Nazari auf Englisch. Jetzt ist er froh, nach vierwöchiger Odyssee durch die Türkei, Griechenland, Serbien Kroatien, Ungarn und Österreich, im Haus der Grundmanns Zuflucht gefunden zu haben.

Waldemar Grundmann, Lehrer an der Integrierten Gesamtschule Am Everkamp, und seine Frau Uta Grundmann-Abonyi hatten bei der Diplomabschlussfeier der Tochter die Idee, die durch den Auszug der großen Töchter Angelika und Jessica freigewordenen Zimmer Flüchtlingen anzubieten. Der Familienrat tagte und akzeptierte den Vorschlag. Schnell war der Kontakt zur Gemeinde hergestellt, und bald zog eine Flüchtlingsfamilie ein. Doch es hakte mächtig, so dass die Grundmanns einen zweiten Versuch starten mussten. Anderthalb Stunden redeten sie mit der Familie Nazari, dann wagten sie den zweiten Anlauf – und haben ihn nicht bereut.

Zwei Zimmer und ein Bad nutzt die afghanische Familie allein, „die Küche benutzen wir gemeinsam“, sagt Uta Grundmann-Abonyi. „Wir respektieren uns und bilden im Grunde eine Wohngemeinschaft. Manchmal essen wir zusammen. Golchere kocht sehr gut“, lobt sie die 20-jährige Afghanin.

Aber auch die Einübung ins deutsche Alltagsleben steht auf dem Programm. Mülltrennung gehört dazu, die Fahrt durch die Gemeinde Wardenburg und der Besuch von Geschäften in Oldenburg, in denen es vertraute Lebensmittel gibt. Ali spricht ein wenig Deutsch, er hofft, bald einen VHS-Kursus besuchen zu können.

Keine Zukunft in Heimat

„Wir mögen die Grundmanns, es ist toll, dass sie Muslime aufnehmen“, sagt Ali Nazari. Er möchte gerne hierbleiben, denn er hat keine Hoffnung, dass der Krieg in seiner Heimat bald vorbei ist. „Unser Kind hätte keine Zukunft“. Ali Nazari möchte gern arbeiten. „Egal, was für einen Job ich bekomme, ich würde alles machen.“ In seiner Heimat hat Ali Nazari Häuser gebaut und als Schneider gearbeitet. Bei den Grundmanns hat er sofort mit angepackt, als die Treppenbeläge erneuert wurden.

Beide Familien sehen die gelebte Integration positiv. Golchere Hasani mag ihre Gastgeberfamilie, deren Sohn Tammo bezeichnet sie als „besten Freund“. Ali Nazari hat sich an das freundliche Hallo und Moin gewöhnt und hat eine klare Meinung zu den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln. Für ihn ist das „bad action“. „Die Flüchtlinge kommen doch, um in Sicherheit zu sein. Ich verstehe nicht, wieso Menschen so etwas machen können“, sagt er.

Die Nazaris haben Kontakt zu drei weiteren afghanischen Familien, die in Wardenburg leben. Als weiteres wichtiges Angebot, die Isolation zu durchbrechen, bezeichnet Uta Grundmann-Abonyi das offene Teehaus der evangelischen Kirchengemeinde Wardenburg. Es muss solche Angebote geben. Sie sind wichtig für die Flüchtlinge, aber genauso für uns Deutsche.“

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